Login   Kontakt   Suche   Sitemap   Spende   Drucken
/ Home / Veranstaltungen & Aktionen / Aktionen / Aktion Schutzengel / Gegen Sextourismus & Kinderprostitution

 

Reportage über Schwester Nida

 

  Schutzengel, wo warst du?  
 

Philippinen: Eine Nonne hilft sexuell misshandelten Kindern

 
 

Im Alter von 12 Jahren wollte Annie*sterben. An jenem Tage, als sie die Entscheidung traf, aus dem Leben zu  scheiden, hatte sie alles vorbereitet. Sie sei, so erzählt das philippinische Mädchen, alleine im Zimmer gewesen, habe sich auf einen Stuhl gestellt, das Seil an der Decke befestigt und den Kopf durch die Schlinge gesteckt. Mutig sei sie heruntergehüpft. "Dann riss das Seil", sagt sie mit einem verlegenen Lächeln. "Kannst du dir das vorstellen... Es ist einfach gerissen... und ich lag unten."       

Am Boden zerstört war Annie seit langem. Ihre Mutter hatte sie im Stich gelassen. Verschwunden war auch ihr Vater, der als Callboy Geld verdiente und die Scheine noch am gleichen Abend verschleuderte. Annie wuchs bei ihrer Großmutter, einer gealterten Prostituierten auf. "Meine Oma", sagt Annie nüchtern, "ist meine Zuhälterin gewesen." 50.000 Pesos zahlte ein Sextourist für die Enkeltochter. Für umgerechnet 1.400 Euro wechselte das Mädchen den Besitzer und wurde zur Leibeigenen des Kinderschänders. Für die Familie war es das Geschäft des Lebens. Für Annie war es das Ende. Zum Schluss blieb nur noch ein Häufchen Elend übrig. Der Tod würde sie endlich erlösen, glaubte Annie.       

Dass die heute 17-Jährige  noch lebt, verdankt sie Nida Viovicente. Die lebenslustige Frau gehört der Kongregation "Schwestern des heiligen Erlösers" an. Der Orden wurde im Jahre 1864 in Madrid gegründet, um Prostituierten zu helfen. In der   philippinischen Hauptstadt Manila hat die 45-jährige Schwester Nida das "Mädchenhaus Serras" aufgebaut. Im Herzen der Acht-Millionen- Metropole liegt in einem unauffälligen Wohnviertel das Haus mit der Nummer 162. Kein Schild verrät, wer hier lebt. Das drei Meter hohe türkisfarbene Eisentor versperrt den Blick auf den Hauseingang. Nur so können sich Mädchen wie Annie sicher fühlen vor den Sextouristen, den einheimischen Freiern, den Zuhältern, den Bordellbetreibern und vor den Stiefvätern, Onkeln und Lehrern, die die Schützlinge von Schwester Nida auf dem Gewissen haben.       

"Annie war völlig verwahrlost und verstört, als sie 1998 bei uns Zuflucht fand", erinnert sich Nida Viovicente. "Sie sprach am Anfang mit keinem Menschen. Doch allen Mädchen fällt es schwer, sich zu öffnen." Die Kinder und   Jugendlichen finden keine Worte für ihr schreckliches Geheimnis. Für das Verbrechen und die nackte Gewalt. Für die Seelenqualen und die Selbstmordgedanken. Für die Hoffnungslosigkeit und die Schande. Die Kinder schweigen, weil Folter unaussprechlich und unbegreiflich ist. Vertrauen fasst Annie zunächst nur zu Neggy und Tisoy. "Die beiden Hunde, die mit uns hier im Haus leben", erklärt Schwester Nida, "gehören mit zur Familie und zum Rehabilitationsprogramm." Als die bei   den Mischlinge bei Annie um Futter betteln, sich mit ihrem weichen Fell an sie schmiegen, fühlt sich das Kind für einen Moment nicht mehr mutterseelenallein. Wenn die Mädchen hier ankommen, müssen einige von einem Arzt behandelt werden, andere haben Drogen genommen oder sind selbstmordgefährdet, erklärt Schwester Nida. "Was die Mädchen zuerst brauchen, ist ein Bett, etwas zu essen und saubere Sachen. Und vor allen Dingen Zuwendung und Liebe." Durch einen geregelten Tagesablauf, bei dem jedes der Kinder seine Aufgaben hat, will Schwester Nida den Mädchen gleichzeitig Halt geben.     

In aller Herrgottsfrühe scheucht sie am nächsten Morgen Annie und zwei weitere Mädchen aus den Betten. "Kommt, wir müssen Obst und Gemüse einkaufen." Annie ist nicht unbedingt eine Frühaufsteherin. "Aber das können wir doch noch um 8.00 Uhr machen", quengelt sie mit verschlafenem Blick. "Ja, das könnten wir, aber dann sind die Lebensmittel teurer. Und wir haben nunmal nicht viel Geld", erklärt Schwester Nida. Also machen sie sich vor Sonnenaufgang auf den Weg. Schwer beladen kommen sie mit Gemüse, Papayas und Mangos vom Markt zurück. Nach dem Frühstück verliert Annie keine Zeit. Schule steht auf dem Plan. Erst als sie am Nachmittag zurückkommt, hat sie ein wenig Freizeit.     

Annie geht in den Speisesaal des Serras Kinderschutzzentrums und schaltet die Musik an. Radio FM sendet die angesagten Songs der Philippinen. Als der Münchener Musiker Lou Bega seinen Hit "Mambo Number 5" singt, stimmen Annie und die anderen Mädchen laut mit ein. "A little bit of Yessica in my liiiife". "Hallo, hier ist Radio FM", sagt die Stimme aus dem Radio. "Nächste Woche startet unser Wettbewerb. Wer in möglichst vielen Sprachen sagen kann Ich liebe dich, gewinnt tolle Preise." "Wow, da machen wir mit", sagt Annie. "Schwester Nidaaa! Schwester Nidaaa! Was heißt Ich liebe dich auf Spanisch? Und auf Deutsch? Chinesisch?" Auf einem Blatt Papier schreiben sie den Satz der Sätze auf. "Nächste Wochen rufen wir an."     

Spät abends ruft Schwester Nida alle Mädchen zum Gebet zusammen. Ein Tisch dient als Altar mit Blumen und einer aufgeschlagenen Bibel. Draußen prasselt ein tropischer Regenschauer auf die Dächer, während drinnen meditative Klaviermusik aus dem Kassettenrekorder erklingt. Schwester Nida zündet für jedes Mädchen eine Kerze an. Dann spricht sie mit sanfter Stimme das Vaterunser. Neben Annie steht Yessica mit nackten Füßen auf den warmen Fliesen, hält ihre Kerze fest in der Hand. Sie schließt die Augen, presst die Lider zusammen, als könne sie so ihre Tränen zurückhalten. "Lieber Gott, gib mir Kraft, damit ich die Gerichtsverhandlung überstehe." Die 16-Jährige fürchtet den Tag, an dem sie ihren Vater wiedersieht. Jahrelang hat er sie missbraucht. Dann ging sie zur Polizei. Schwester Nida wird das Mädchen bei der Verhandlung begleiten und sich um sie kümmern.     

"Danke, dass du mich gerettet hast vor meinen Vergewaltigern", betet Anna, die sieben Jahre lang von Adoptivvater und Stiefbruder misshandelt wurde. Sie atmet tief durch und wischt die im Kerzenschein glänzenden Tränen mit ihrer Hand weg. Leise vermischen sich die Klaviertöne mit dem Schluchzen. "Ich bete für die Mädchen, die noch immer missbraucht und prostituiert werden", flüstert Annie. Als das letzte Amen gesprochen ist, schweigen alle wie versteinert. Eine Gedenkminute, die niemals enden will. Weil der Schmerz zu groß ist für die kleinen Kinderseelen. Plötzlich stürmt Neggy in den Raum, bleibt verdutzt steht, schaut nach rechts und links. Der Hund versteht nicht, was los ist. Warum alle schweigen und niemand mit ihm spielen will. Er läuft zu Annie, schnuppert an ihrem Bein. Es kitzelt, und Annie muss lachen. Sie wischt sich die Tränen aus den Augen. "Komm her, mein Lieber", sagt sie zu Neggy und krault ihm liebevoll das Fell.     

Schwester Nida ist davon überzeugt, dass der Glaube einen positiven Einfluss auf die Rehabilitation der Mädchen haben kann. "Gebete können eine Waffe sein gegen das Trauma", sagt Schwester Nida. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass religiöse Menschen leichter Krankheiten und seelische Probleme bewältigen als Nichtgläubige. Doch nicht alle wollen sich darauf einlassen. "Oh, Schwester! Jetzt kommen Sie nicht wieder mit Ihrem Gott", schimpfte Annie zu Beginn. "Wenn es einen   Gott gäbe, hätte er es nicht zugelassen, dass ich missbraucht wurde." Schwester Nida entgegnete: "Wenn es keinen Gott gäbe, dann gäbe es auch niemanden wie mich, der sich 24 Stunden am Tag um dich kümmert." Schwester Nida schlägt ihr vor, sich von der Seele zu schreiben, was sie quält. Nimm zum Beispiel mal die Zeile aus dem Vaterunser 'Und erlöse uns von dem Übel'. Was fällt dir dazu ein?" Als sie mit dem Schreiben beginnt, bekommt das Vaterunser für sie eine neue Bedeutung. Das Übel, dass sind "ihre Peiniger, ihre Eltern, alle, die ihr nicht geholfen haben. Das sind die Alpträume." Annie fängt an Tagebuch zu schreiben, Gedichte zu reimen. Auch ihre Zwiesprache mit Gott vertraut sie diesen Seiten an. "Im Tagebuch schreibe ich mir selber, beim Beten spreche ich zu jemandem. Das ist etwas ganz anderes", sagt sie. Wenn Annie heute betet, dann bebt ihr Körper. Ihre Hilfeschreie schallen in Richtung Himmel. "Wo warst du, wenn mein Vergewaltiger hinter mir herlief. Wenn er mich auf das Bett warf, meine Brüste berührte, mir in die Lippe biss, mir an den Haaren riss?" Endlich kann sie das rauslassen, was ihre Seele quält. Wie in Trance nimmt Annie den Stift. Ihr ganzes Herzblut fließt in die Worte ihres Gebetes.     

"Ja, ich bin so wütend. Ich weiß nicht, wen ich beschimpfen soll. Ob es gesünder für mich wäre, die Menschen zu hassen? Oder mich? Oder die ganze Welt? Und darum schimpfe ich auf dich, mein Schutzengel." Sie hält einen Moment inne und besinnt sich. "Bitte bleib bei mir, denn wenn du gehst, dann kann ich meine Wut nicht ausdrücken und dann gibt es niemanden, der mich auf den rechten Weg führen könnte. Bitte verzeih, wenn ich so bin. Ich bin so verwirrt, traurig, verletzt, ungeliebt. Stell dir vor, seit meiner Kindheit glaube ich an dich, dennoch hast du es geschehen lassen. Wo ist dein flammendes Schwert, das den Vergewaltiger hätte aufschlitzen sollen? Du hättest mich damals beschützen können! Ach, vergiss es. Es ist nicht mehr zu ändern... Bitte versprich mir, mich niemals mehr alleine zu lassen. Amen."     

Drei Jahre hat Annie inzwischen in dem Kinderschutzzentrum Serras verbracht und viel erreicht. In der Schule gehört sie zu den Klassenbesten. Souverän trägt sie ihre Referate in einem Englisch vor, das so manchen deutschen Gymnasiasten die Sprache verschlagen würde. Sie liest und lacht viel, hat tausend Ideen in ihrem Kopf. "Ich möchte studieren", sagt sie. "Aber ich weiss nicht, wie ich das Geld für die Uni zusammen bekommen soll. Doch ich habe ein Ziel, eine Vision."     

An dieses Ziel denkt sie immer, wenn sie in den Straßen von Manila diese "Fleischverkäufer" sieht, wie Annie abfällig die Zuhälter nennt, die Prostituierte in jedem Alter anbieten. Dann kommt die Wut wieder hoch. Daraus wächst ihr Mut für große Pläne. "Nach meinem Psychologiestudium möchte ich ein Kinderschutzzentrum aufbauen wie Schwester Nida. Dann werde ich ihre Arbeit weiterführen", sagt sie. Sie ist davon überzeugt, dass sie die Kraft und die Erfahrung hat, Kindern zu helfen, die das gleiche Schicksal erlitten haben wie sie. "Natürlich werden dich die Schatten der Vergangenheit nie verlassen", sagt sie mit jugendlicher Weisheit. "Wichtig ist, wie du die Erinnerung nutzt." Und dann fällt ihr ein Lied von Frank Sinatra ein. In dem kleinen Speisesaal  tanzt und singt sie wie auf einer Bühne. "If I can make it there, Ill  make it everywhere" (Wenn ich es hier schaffe, werde ich es überall schaffen).     

Jörg Nowak

* Um die Mädchen zu schützen, wurden Pseudonyme verwendet.

 

 
   
 
Weitere Informationen bieten Ihnen unsere folgenden Webseiten:
 
 
 

Aktion Schutzengel gegen Sextourismus und Kinderprostitution
400.000 deutsche Männer fliegen Jahr für Jahr in die große weite Welt und wollen nur das eine. Einige Tausend von ihnen schrecken selbst vor Sex mit Kindern nicht zurück. Solche Verbrechen machen wütend. Aber nicht ohnmächtig. missio kämpft seit vielen Jahren gegen Kinderprostitution und Sextourismus.
mehr