Seit sie acht Jahre alt ist, wurde das philippinische Mädchen Pia von Sextouristen misshandelt. Der katholische Priester Shay Cullen rettete sie 1996 aus den Fängen der Pädosexuellen und nahm sie in seinem Kinderschutzzentrum auf.
Pia ist nicht wiederzuerkennen. Ungläubig starrt sie auf ihr eigenes Foto, als sei es das Bild einer Fremden. Vor drei Jahren entstand die in missio aktuell veröffentlichte Aufnahme. Sie hält die Zeitschrift aus Deutschland in der Hand. "Das Mädchen da..., das soll ich gewesen sein?", wundert sich die heute 15-Jährige. Pia betrachtet das Foto genau. Die Gesichtszüge, die pechschwarzen Haare, die braune Haut und die Form der Lippen. Und die Augen? Das sind nicht die gleichen Augen. In eine unendliche Leere blickten sie damals. Die linke Hand verdeckte einen Teil ihres Gesichts. Dahinter versteckte sie tausende Tränen und quälende Schreie. "Sah ich damals wirklich so todtraurig aus?", flüstert sie zu sich selber. "Piaaa! Piaaa!", rufen plötzlich mehrere Mädchenstimmen. "Es ist gleich 18.00 Uhr." Pia wacht aus den Erinnerungen auf. "Ja, bin gleich da." Sie lässt die Zeitschrift auf dem Tisch liegen und geht in den großen Gruppenraum. Hier im Kinderschutzzentrum PREDA, einige Autostunden nördlich der Hauptstadt der Philippinen gelegen, fand sie vor dreieinhalb Jahren bei Pater Shay Cullen (r.) Schutz und ein neues Zuhause. Jeden Tag nach den Hausaufgaben und vor dem Abendessen steht Tanzen auf dem Programm. Vierzig Mädchen haben sich heute im Halbkreis aufgereiht. Sie bewegen sich zur Musik des Ententanzes, flattern mit Armen und klatschen mit den Händen. Pia schlurft in ihren Badeschlappen zu Marlyn und May in die Ecke. Die älteren Mädchen haben keine Lust zu diesem Kinderkram. Ihr Auftritt kommt erst später.
Als die Musik verklingt, ruft Pia: "O.K. Girls, jetzt legen WIR los!" Sie nimmt eine Kassette, steckt sie in die Stereoanlage und dreht die Lautstärke hoch. Die Backstreet-Boys singen "My side of town". Pia und sechs Mädchen stürmen aufs Parkett. Staunend stehen die Ententanzkinder an den Seiten. So etwas gibt es sonst nur in den Videoclips zu sehen. Die Choreographie für den Streetdance hat Pia eigens gestaltet. Alle hören auf ihr Kommando. "Schritt nach rechts! Nach links! Achtung Drehung! Nach vorne! Und zurück!" Pias Bewegungen verschmelzen mit der Musik. Ihr Herz schlägt im Takt. Die Augen strahlen. Vor einigen Jahren hätte niemand geglaubt, dass Pia jemals lachen würde. Keiner interessierte sich für das kleine Mädchen aus dem siechenden Slum der Millionenstadt Manila. Weder ihre Mutter noch ihr Vater. Auch nicht die Großmutter, die sie notgedrungen aufnahm. "Ich wuchs mit meiner Oma in einem Haus ohne Liebe auf. Ich erinnere mich nur an Schreie und Schläge", klagt Pia. Niemand wollte sie. Einzig die Sextouristen hatten sie im Visier. "Pater Shay Cullen hat mich damals rausgeholt", sagt Pia. Sie nennt den Priester "meinen Beschützer". Als Leiter des Kinderschutzzentrums PREDA hat der 56-Jährige für die traumatisierten Mädchen ein spezielles Rehabilitationsprogramm entwickelt. "Für mich war die Therapie am hilfreichsten, weil ich so viel weinen und schreien konnte, wie ich wollte", blickt Pia zurück. "Es war die beste Art, mich von dem Schmerz zu erlösen." Rund drei Jahre lang nahm sie regelmäßig an den Sitzungen teil. Drei Jahre, das waren tausend Tage und tausend Nächte voller Tränen. Bei Pater Shay Cullen konnte Pia sich ihre Qualen von der Seele reden, sich von Schuldgefühlen befreien und Hoffnung schöpfen. Jeden Sonntag ging sie zur Messe im Kinderschutzzentrum und betete das Vater Unser. "Erlöse mich von dem Bösen", flehte Pia. Ihre Gebete wurden erhört, doch die Erlösung fiel nicht vom Himmel. Es war ein langer harter Weg. "Je früher man mit der Therapie beginnt, desto höher sind die Erfolgschancen", weiß Pia aus eigener Erfahrung. "Wer sich selbst aufgibt, dem kann kein Therapeut und kein Seelsorger helfen." Direkt über dem Gruppenraum, wo Pia heute so temperamentvoll tanzt, liegt das helle Zimmer mit dem weichen Teppichboden. Hunderte Male ging sie hier in den ersten Stock des PREDA-Zentrums und traf sich mit den anderen Mädchen zur Gruppentherapie. Hunderte Stunden hat sie hier geweint, geschrien, sich auf den Boden geworfen, mit den Fäusten und Füßen auf den Boden getrommelt. Pater Shay Cullen tröstete sie, stärkte ihren Willen und schenkte ihr einen Zukunftsglauben. Der Seelsorger heilte ihre geschändete Kinderseele. Nur selten taucht noch Pias elancholischer Blick wieder auf. "Wenn es mir schlecht geht", sagt sie, "dann verkrieche ich mich in eine Ecke und denke über alles nach. Manchmal spreche ich zu Gott und frage ihn: 'Warum habe gerade ich so viele Probleme?' Dann verstehe ich: Es ist meine Aufgabe, diese Probleme zu lösen", erklärt sie mit jugendlicher Weisheit. Die Angst vor der Schule war eines dieser Probleme. Als die Therapie erste Fortschritte zeigte, sagte Pater Shay Cullen: "Pia, du solltest wieder den Unterricht besuchen und etwas lernen." Zum ersten Mal musste sie ohne ihren "Beschützer" Pater Shay Cullen zurück in die raue Welt. "Ich hatte Angst, eine schlechte Schülerin zu sein." Doch Pia holte den alten Lehrstoff schnell auf. In drei Jahren will sie die Schule beendet haben. "Dann werde ich als Polizistin arbeiten und andere Kinder beschützen." Schon jetzt kämpft sie zusammen mit Pater Shay Cullen für Rechte der Kinder. Gemeinsam treten sie auf Veranstaltungen zum Thema Kinderprostitution auf. Vor einigen Monaten bereitete sie sich auf einen großen Auftritt vor. Zu einer Tagung nach Japan war sie eingeladen. "Als ich ein kleines Kind war, hätte ich niemals gedacht, vor so vielen Menschen zu sprechen", sagt sie. Jedes Wort überlegte sie sich genau und tippte die Rede in den Computer des Kinderschutzzentrums. "Ich träume davon", verkündete Pia in Japan, "dass alle Kinder und Jugendlichen sich vereinigen und wir das Problem des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung beenden können." Nach ihrer Rückkehr wurde sie im Kinderschutzzentrum PREDA wie ein Star empfangen. Für die anderen Mädchen ist Pia das stärkste Mädchen der Welt. "Sie ist unser Vorbild", sagen sie. Denn Pia hat den Schmerz besiegt, gegen den sie noch kämpfen. Und sie hat gegen ihren Peiniger gewonnen. Vor einem deutschen Gericht klagte die damals 12-Jährige gemeinsam mit Pater Shay Cullen den Kinderschänder Thomas Breuer an. Auf den Philippinen hatte er sie brutal misshandelt. Jetzt brachte ihn das kleine philippinische Mädchen ins Gefängnis. Weil Pia so stark geworden ist, verhält sie sich wie eine große Schwester gegenüber den anderen Kindern. Heute hat sie einen Brief von einem fremden Mädchen bekommen. Stumm liest sie die Zeilen. "Liebe Pia, in einem Zeitungsartikel habe ich von dir erfahren. Jetzt erkenne ich, dass ich mit meinem Schicksal nicht alleine auf der Welt bin." Das gleichaltrige Mädchen hat sich vor einigen Tagen in dem Kinderschutzzentrum Serras in Manila geflüchtet. Ihr Vater habe sie jahrelang missbraucht, in ihrer Verzweiflung sei sie zur Polizei gerannt. "Wenn mein Vater seine Schuld nicht eingesteht, droht ihm statt einer Haftstrafe das Todesurteil.", schreibt sie. "Bitte sag mir, würdest du in meiner Situation den eigenen Vater sterben lassen? Ich weiß nicht, was ich tun soll." Pias Blick verfinstert sich. "Oh, Gott, was soll man da machen?", stöhnt sie und hält den Brief in der Hand. "Das ist so schwer." Sie schaut stumm auf den Boden. Ihr Blick starrt ins Leere. Dann kneift sie die Augen zusammen. Grübelt sie? Weint sie? Plötzlich gibt sie sich einen Ruck, greift zum Telefon und wählt die Nummer des Kinderschutzzentrum. "Ich muss ihr helfen", sagt Pia entschlossen. Jörg Nowak |