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Wer sich auf den Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern einlässt, hat mit Bedrohungen, Anklagen, und Verleumdungskampagnen zu rechnen und muss auch die Erfahrung machen, dass selbst Vertreter der Kirche sich diesem Kampf entgegenstellen. Nur durch die internationale Zusammenarbeit und dem Druck der internationalen Gemeinschaft ist dem Sextourismus und der Kinderprostitution ein Ende zu machen. Es war an einem Tag im Jahr 1969, kurz nachdem mir die Pfarrei St. Joseph in der Stadt Olongapo auf den Philippinen übertragen worden war. Ich ging durch die Straßen dieser Stadt mit 120.000 Einwohnern, die sich direkt am Ufer der Subic Bay befindet. In dieser Bucht befand sich auch ein riesiger Militärstützpunkt der amerikanischen Marine. Tausende amerikanischer Seeleute kamen regelmäßig von der Militärbasis in die Stadt. Die Hauptstraße der Stadt war gesäumt von Bars und Bordellen und überall war das Kreischen von Rockbands zu hören. Ich hatte an diesem Tag zivile Kleidung an. Fälschlicherweise hielt man mich deshalb für einen Touristen. Ein Mann näherte sich mir und fragte mich, ob ich ein Mädchen mieten und mit ihr ein Hotel aufsuchen möchte. Ich war schockiert und wies dieses Angebot ärgerlich zurück. Daraufhin fragte mich der Mann, ob ich ein sehr junges Mädchen möchte. "Schau dort hinten, sie sind so jung und rein. Du kannst eines dieser Mädchen für zehn Dollar für die ganze Nacht haben. Ich kann dir auch einen günstigen Preis für ein Hotel aushandeln", fuhr der Mann fort. Ich sah in die Richtung, in die er gezeigt hatte. Dort sah ich drei Mädchen, die etwa elf bis zwölf Jahre alt waren. Sie standen in einem Eingang und wurden von einer Frau festgehalten. Sie waren sehr schmal und erschienen mir sehr ängstlich. Sie schauten so, als ob sie jeden Moment wegrennen würden, wenn sie es gekonnt hätten. Ich war sehr wütend über den Zuhälter, der mir die Kinder angeboten hatte. "Was machst du da, ich rufe die Polizei", entgegnete ich dem Mann. Er lachte mich aus, so als ob er selber ein Polizist gewesen sei oder zumindest ein Freund der Polizei. Für die Kinder gab es kein Entkommen Für mich war dies die erste Begegnung mit dem schrecklichen Handel von Kindern, die für sexuelle Ausbeutung und Missbrauch verkauft werden. Ich wusste bis dahin nicht, dass es so etwas wie einen Sexhandel gab. Das Seminar hatte mich nicht auf die Realität in der Welt von Olongapo City vorbereitet. Es gab in der Stadt über 100 Sexbars, Bordelle, Clubs, Massagesalons und billige Stundenhotels. Es war eine eigene Sexindustrie, die das sexuelle Verlangen der Sextouristen und der amerikanischen Matrosen befriedigte. Viele Marinesoldaten kamen von der Kriegsfront in Vietnam und wollten sich in Olongapo City vor allem amüsieren. Drogenhandel und -missbrauch waren an jeder Straßenecke zu finden. Verbrechen jeglicher Art waren eine ständige Gefahr. Was mich aber noch mehr bestürzte und sehr beunruhigte war die Tatsache, dass die lokale Regierung gemeinsame Sache mit der Sexindustrie machte. Sie erlaubte der Industrie, dass diese sich prächtig entwickelte und wuchs, indem den Bars und Clubs Genehmigungen und Lizenzen erteilt wurden. Die Stadt arbeitete eng mit der US Navy zusammen, die wiederum dabei behilflich war, eine Klinik einzurichten, um die geschätzten 16.000 junge Frauen und Mädchen regelmäßig auf Geschlechtskrankheiten u nd später auch auf Aids zu untersuchen. Der Navy kam es vor allem darauf an, dass sich die Soldaten nicht anstecken sollten. Die jungen Frauen und Mädchen waren für die Soldaten und die Touristen da, die auf der Suche nach wilden Vergnügungen waren, Diese jedoch hatten nichts mit dem Leiden und der Armut der Sexsklavinnen im Sinn. Es interessierte sie nicht. Schulden, Angst und die Wachposten in den Clubs und Bars machten die Kinder und jungen Frauen zu Gefangenen. Es gab kein Entkommen und Jahre später lernte ich, dass die Befreiung der Betroffenen sehr gefährlich ist. Die Sexindustrie war die einzige Möglichkeit, eine Beschäftigung in der Stadt zu finden. Die Opfer fühlten sich als Sünder Ich betete sehr viel angesichts der schrecklichen Notlage Tausender von Menschen, die durch moderne Sklaverei so massiv ausgebeutet wurden. Gott fragte ich, was ich tun könnte und mir wurde bewusst, dass ich alleine war, ohne jegliche Mittel, Einfluss oder die Macht, etwas zu ändern. Es lag nun in Gottes Hand. Aber ich war fest entschlossen, es nicht zuzulassen, dass dieses Übel unverändert so hätte weitermachen konnen. Die Kirche jedoch war sehr im sakramentalen Dienst engagiert. Da so viele Menschen den Versuchungen erlagen und sündigten, gab es den ganzen Tag über Beichten, und es blieb kaum Zeit für etwas anderes. Ich fühlte sehr stark, dass wir den Ursachen dieses Übels auf den Grund gehen und diese beseitigen mussten. Das Schlimmste für mich in dieser Situation war, dass die Opfer der Ausbeutung und des Missbrauchs dazu gebracht wurden, sich selbst als Sünder zu fühlen. Sie waren es, die bereuen sollten und Buße tun sollten. Ich widersprach dem und mir wurde sehr schnell klar, dass sie als Opfer diejenigen sind, an denen sich andere versündigen. Unser Dienst hatte eine Hilfe für sie zu sein und dafür zu sorgen, dass sie aus dieser schrecklichen Situation gerettet werden. Deshalb beschloss ich, alles dafür zu tun, dass es zu einer Schließung der Basis komme. Die schreiende soziale Not Es war wichtiger denn je, für soziale Veränderungen in Olongapo zu arbeiten. Viele Barfrauen waren damals an Geschlechtskrankheiten erkrankt. Später kam Aids hinzu. Regierungsmitglieder leugneten diese Realität, da sie befürchteten, die Tourismusbranche würde Schaden erleiden. Es gab viele zerbrochene Familien auf Grund der Sexindustrie, Kinder, die auf sich allein gestellt waren und auf der Straße lebten. Des Öfteren wurden sie verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Zumindest konnte ich erreichen, dass sie in ein staatliches Kinderheim untergebracht wurden und nicht mehr ins Gefängnis mussten. Viele junge Menschen waren unglücklich, erfüllt mit Wut und Frustrationen angesichts der familiären und sozialen Probleme. Ehemänner verließen ihre Frauen und Kinder. Diese bekamen keinerlei Hilfe und Unterstützung. Jugendliche begannen untereinander, sich zu bekämpfen und organisierten sich in Banden. Die Rivalitäten der Gangs beherrschten die Schule. Ich versuchte die Jugendlichen zu begleiten und ihnen zu helfen. Jedoch war es angesichts der Drogenprobleme und der Gewalt sehr schwierig. Zur Zeit des Kriegsrechts verhafteten zudem Todesschwadronen von Diktator Ferdinand Marcos Jugendliche und exekutierten sie. Eines Nachts hörten Schwestern der Pfarrei die Schreie und die flehentlichen Rufe eines Jugendlichen, auf den eine Pistole gerichtet war und der um sein Leben flehte. Es gab keine Gnade. Der Jugendliche wurde erschossen. Die Verschwörung des Schweigens Mit der Unterstützung der Eheleute Hermoso gründete ich 1974 PREDA (People´s Recovery, Empowerment, Development Assistance Foundation) auf einem Hügel oberhalb der Subic Bay, um den Jugendlichen helfen zu können. Der Bischof der Diözese in jenen Tagen wollte dieses Zentrum nicht, da ich nicht die beständige Finanzierung garantieren konnte. Vielleicht war er auch gegen das Zentrum, da ich zu offen und zu direkt die sozialen Missstände in Olongapo anklagte. Er und einige Priester waren in jenen Tagen sehr eng mit politischen Führern verbunden. Praktisch ohne Geld und ohne jegliche Unterstützung der Autoritäten begann die Arbeit von PREDA. Was die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern, den Drogenmissbrauch und später auch Aids anging, war man in Olongapo in der Tat auf einem Auge blind. Es war eine Verschwörung des Schweigens, so schien es mir. Schweigen angesichts des Übels bedeutet jedoch, ihm zuzustimmen und es zuzulassen. Nicht aussprechen und nicht agieren ist fast so, als ob man dem Übel erlaube, beständig weiterzumachen. Eines Tages erzählte mir eine Ordensschwester, die in einem Armenhospital arbeitete, dass Kinder zu ihr kämen und um ihre Hilfe gebeten hätten. Sie hätten Geschlechtskrankheiten und seien in das Hospital der Regierung geschickt worden, da sie prostituiert worden seien. Das jüngste Kind war gerade einmal neun Jahr alt. Die anderen elf und zwölf. Insgesamt waren es achtzehn Kinder. Wir entdeckten, dass ein Sex-Syndikat die amerikanischen Soldaten mit diesen Kindern für sexuelle Zwecke versorgte. Alex Hermoso, der Programmdirektor von PREDA, und ich gingen in das Hospital und sprachen mit den Kindern, die in einem Raum versteckt worden waren. Wir nahmen ihre Geschichten der sexuellen Ausbeutung und des Missbrauchs auf. Dies wiederum fanden die städtischen Behörden heraus. Mich erreichten Mitteilungen, nichts über diesen Prostitutionsring zu veröffentlichen. Selbst der Admiral der Basis wollte dies verheimlichen, da amerikanische Matrosen die Kun den dieses Syndikats waren. Jedoch berichtete ich der Presse darüber, da dies aus meiner Sicht der einzige Weg war, Licht ins Dunkel zu bringen und dem Ganzen ein Ende zu setzen. Vertreter der städtischen Behörden waren sehr wütend auf mich und drohten, dafür zu sorgen, dass ich die Philippinen zu verlassen habe. Zudem wollten sie mich vor Gericht bringen, da ich den guten Namen der Stadt beschädige". Das einzige jedoch, das den Namen der Stadt beschädigte, war die Sexindustrie selbst. Diese beraubt Menschen ihrer Würde, indem sie sie den Erniedrigungen unterwarf, amerikanische Matrosen und Sextouristen zu befriedigen. Es wurden viele Drohungen gegen uns ausgesprochen, um uns einzuschüchtern und aus der Stadt zu vertreiben. Mit der Zeit wurden mehr und mehr missbrauchte Kinder an PREDA verwiesen. Wir sorgten für ihren Schutz und für eine therapeutische Begleitung. In der Regel braucht es acht Monate bis hin zu einem Jahr, dass die Kinder mit Hilfe therapeutischer Maßnahmen und auch Ausbildungsmaßnahmen ihr Trauma überwinden, um dann einen Neuanfang bei schützenden und liebenden Pflegefamilien zu starten. Angriffe und Unterstützung Viele Kirchenvertreter hingegen sind uns eine große Hilfe. In einem anderen Zusammenhang drückte 1999 Kardinal Jaime Sin seine Unterstützung für PREDA aus und erklärte, die Arbeit von PREDA sei eine Inspiration für die Katholische Kirche". Ähnlich äußerte sich auch Erzbischof Cappella von Davao City auf Mindanao. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden 61 Klagen gegen uns, den Mitarbeitern von PREDA, eingereicht. Die internationale Gruppe der Pädophilen erstattete die meisten Anzeigen. Sie zeigten uns an wegen Verleumdung und Belästigung oder auf Grund anderer haltloser Beschuldigungen. 53 dieser Anzeigen kamen nie vor Gericht, erwiesen sich als falsch und entbehrten jeglicher Grundlage. Im Februar 2000 ist von der Einwanderungsbehörde ein Verfahren gegen den Deutschen und den Schweizer eröffnet worden wegen Falschaussage, Drogenhandel und dem Faktum, dass sie sich ohne die notwendigen Dokumente auf den Philippinen aufhalten. Es scheint nun so, dass sie wahrscheinlich vor Gericht kommen und aus dem Land gewiesen werden. Unsere Arbeit für die Kinder wird weitergehen. Mit Hilfe von missio sind wir in der Lage, sie fortzuführen. Von Jugendlichen des Zentrums ist eine Theatergruppe gegründet worden, die ein Musical über das Drama des Sextourismus präsentiert. Im Jahr zuvor war diese Gruppe für zwei Monate auch in Deutschland auf Tournee. Wir sind sehr froh, dass das Flehen der Kinder erhört worden ist. 2000 sind wir von britischen Parlamentariern und auf Initiative von missio auch von deutschen Parlamentariern für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Im vergangenen Dezember erhielten wir den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar. Dieses Jahr erhält PREDA von der Stadt Ferrara in Italien den Menschenrechtspreis. Diese Auszeichnungen sind Ausdruck dafür, dass die Leiden der Opfer sexuellen Missbrauchs und des Sexhandels gesehen werden. Die internationale Gemeinschaft nimmt die schreckliche Sklaverei des Sexhandels wahr und unterstützt die Arbeit von PREDA, diese zu beenden. Ich hoffe, dass auch Sie dies tun. Quelle: KM Forum Weltkirche, Heft 3/2000, S. 23-28 "Tatort Manila"
In dieser Tatort-Folge geht es um Sextourismus. In Ausschnitten wird auch über die Arbeit von PREDA berichtet. Preda ist mit einer eigenen Homepage im Internet vertreten: www.preda.org Shay Cullen (r.) Irischer Ordensmann, seit 1969 auf den Philippinen tätig, Mitbegründer des Zentrums PREDA in Olangapo City und missio-Projektpartner. |
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