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„Ich weiß nicht, wie wir ohne missio die Kriegsjahre hätten überstehen können“, sagt Pfarrer Peter Loro. „Und ich weiß auch nicht, wie wir jetzt ohne missio und ohne die Hilfe der deutschen Katholiken den Neuen Sudan aufbauen sollten.“ Pfarrer Peter hat als Generalsekretär der sudanesischen Bischofskonferenz die „alten Zeiten“ des 22-järhrigen Krieges schmerzvoll und hautnah miterlebt. Und jetzt sitzt er an der Schaltstelle für Zukunftsplanungen und für Hilfsprojekte. In den nächsten Monaten sollen endlich die Kalaschnikows eingetauscht werden gegen Hacken, Spaten und Saatgut. Im Sudan soll alles anders werden. Eingeleitet wurde diese Wende durch den Friedensvertrag zwischen Nord und Süd, der vor genau einem Jahr feierlich unterzeichnet wurde, am 9. Januar 2005. Er beendete das Morden, das über zwei Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Seitdem die Tinte unter dem Friedensvertrag getrocknet ist, gilt es, den Neuanfang und Wiederaufbau zu organisieren. Dies ist ein äußerst anspruchsvolles Unterfangen in einem Land, das mehr als siebenmal so groß ist wie Deutschland und wo vielleicht zehn oder mehr Millionen Menschen nicht mehr dort leben, wo sie zu Hause sind. In den Kriegsjahren, als der islamisch-arabische Norden versucht hat, den fruchtbaren und an Bodenschätzen reichen Süden zu vereinnahmen, haben vier Millionen Schwarzafrikaner – die meisten von ihnen sind Christen – überlebt, indem sie die Flucht in den Norden gewagt haben. Im Feindesland mussten sie in Lagern vegetieren, sich sklavenmäßig verdingen, damit sie und ihre Familien etwas zu essen bekamen. Diese vier Millionen Menschen wollen jetzt nach Hause. Fast um jeden Preis. Rund 1.500 Kilometer zurück in den Süden. Und die, die den Terror im Süden überlebt haben, waren im Krieg umher getrieben. Die meisten leben inzwischen in einer Region, die fern ihrer Heimat liegt. missio war in den Jahren der Verfolgung immer an der Seite der sudanesischen Kirche: Mit rund einer Million Euro pro Jahr haben die deutschen Katholiken geholfen, Katechisten auszubilden; sie haben Diesel finanziert, damit Priester ihre Gemeinden wenigsten einmal im Jahr erreichen konnten; Fahrräder gekauft, oft auch Lebensmittel, um eine Hungersnot zu überstehen… Die missio-Hilfe in diesen Jahren war immer der Versuch, der Kirche das pure Überleben möglich zu machen. Heute steht Pfarrer Peter mit der Bischofskonferenz vor ganz anderen Herausforderungen. Jetzt gilt es, Visionen zu entwickeln für eine neue Zukunft. Doch die praktischen Probleme des Alltags bedrängen gleichermaßen: „Wenn all diese Flüchtlinge nach Hause kommen, dann haben sie nichts“, erläutert Kardinal Zubeir Wako, der Erzbischof von Khartoum. „Es gibt keine Häuser, kein Trinkwasser, keine Verwaltung, keine Sicherheit… Es sind noch ungezählte Waffen im Umlauf, die von Räubern und Frustrierten genutzt werden. Gewalt gehört noch zum Alltag.“ Aus Erfahrung wissen die Menschen aber, wohin sie sich wenden: An die katholische Kirche. Waren es doch deren Priester, Schwestern und Katechisten, die in den Zeiten der Verfolgung selbstlos geholfen haben. Die Kirche war die einzige landesweite Organisation, deren Vertreter sich den Mordkommandos entgegenstellten; die Seelsorger erinnerten Regierung und Rebellen gleichermaßen an Menschenrechte; sie sorgten für Nahrung in Hungersnöten; sie machten im Ausland bekannt, was im Sudan vor sich ging. Und sie waren es, die als geistliche Führer die Hoffnung nicht haben sterben lassen. Die Kirchenleute gelten als Helden im Sudan. Ihnen kann man vertrauen. Und von ihnen erwartet man fast alles. „Die Menschen wissen, dass die Kirche immer geholfen hat“, so der Kardinal. „So kommen jetzt auch die heimkehrenden Flüchtlinge zu uns.“ – Mit der Folge, dass im Süden viele Pfarrhäuser von Flüchtlingen regelrecht belagert sind. Der Urwald hat längst das Stückchen Erde überwuchert, wo einst die Hütten der Familien standen. Und für den Neuanfang fehlt das Nötigste: Die Axt zum Roden, die Hacke, um das Feld zu bestellen, Saatgut, Lebensmittel, um die Zeit bis zur ersten Ernte zu überbrücken. – Die Kirche steckt in einem fast unlösbaren Dilemma: Ihr fehlt das Geld, um allen zu helfen, und gleichzeitig ist diese Starthilfe Voraussetzung für einen friedlichen Sudan. „Unsere Aufgabe ist es, Hoffnung wachsen zu lassen und Hoffnung zu stärken“, so Kardinal Zubeir, „wenn Menschen hoffnungslos sind, werden sie gewalttätig und destruktiv.“ Die Kirche ist eigentlich total überfordert mit dem, was jeder von ihr erwartet. Im Sudan arbeiten nämlich nur knapp 400 Priester unter 30 Millionen Menschen. – Wer hier Pfarrer ist, hat also sicher mehr als 60 Dörfer zu betreuen. Eine Großzahl der Christen bekommt jahrelang keinen Priester zu Gesicht. Das Geheimnis, warum die Kirche im Sudan dennoch lebendig ist und im rasanten Tempo immer neue Anhänger findet, sind die Katechisten. Zehntausende – meiste ehrenamtliche – Helfer, die in den Zeiten der Verfolgung die Gemeinden am Leben gehalten haben. Katechisten leiten Gottesdienste, beerdigen die Toten und unterrichten die Kinder. Katechisten besuchen die Kranken, sie sind die Missionare im eigenen Volk. „Die Katechisten sind das Rückgrat unserer Kirche“ betont Bischof Paride Taban immer wieder. „Hätten wir nicht die Katechisten als Seelsorger und Entwicklungshelfer, so gäbe es in weiten Teilen des Sudan überhaupt keine Kirche.“ – Somit ist es kein Wunder, dass die Sudanesische Bischofskonferenz „die Aus- und Weiterbildung von Katechisten“ zur obersten Priorität erhoben hat. Pater Schalück der Präsident von missio in Aachen, erinnert daran, dass es in weiten Teilen des Sudan während des Krieges „eine Phase von 15 priesterlosen Jahren gab“. „Alle Missionare und Geistliche waren des Landes verwiesen.“ Und als dann nach dieser Zeit ein mutiger Italiener insgeheim das Gebiet bereiste, habe er festgestellt, dass im Süden „durch das Engagement von Katechisten eine ganz neue Ortskirche entstanden war“. Rund eine Million Menschen hatten sich taufen lassen. Angesichts solcher Erfahrungen fordert Pater Schalück im Einklang mit der sudanesischen Bischofskonferenz, „vor allem diese Katechisten zu stärken und zu unterstützen“. Sie seien es, die die Hilfsmaßnahmen in den Dörfern koordinierten, sie formten Gemeinden zu lebendigen Gemeinschaften. „Nur so können die Überlebenden im Sudan ein neues Zuhause finden. Nur so werden sie menschliche Wärme und Geborgenheit spüren – die letztlich nichts anderes ist als die Liebe Gottes.“ missio hat im vergangen Jahr mehr als zwei Millionen Euro für den Sudan zur Verfügung gestellt. Benötigt wird dieses Geld neben der Katechistenarbeit natürlich auch für die Ausbildung von Priestern: In Juba soll ein neues Priesterseminar für das ganze Land entstehen. Wichtig ist ebenso die Seelsorge für traumatisierte Menschen. Millionen Kriegsopfer lebten jahrelang unter Bombenhagel. Sie wurden Augenzeugen von Gemetzel und Mord, sie haben Angehörige verloren und Hungersnöte überstanden… Menschen, die solchen Belastungen ausgesetzt waren, brauchen in besonderer Weise psychologische Heilung und den Zuspruch der Seelsorger. Nötig sind weiterhin der Aufbau und die Reparatur von Kirchen und Kapellen, von Pfarrhäusern und Versammlungsräumen. In 22 Jahren Krieg wurde im Südsudan praktisch keine Ortschaft verschont. Häuser wurden niedergebrannt, Kirchen gesprengt. „Ohne Autos und Treibstoff kann kein Priester seine Dörfer erreichen“, beschreibt Pfarrer Peter die praktische Not in der Alltagsarbeit. „Die Gemeinden brauchen Bibeln und Gebetbücher, Kreide und Tafeln für den Unterricht ...“ Peter Loro kann sich nicht vorstellen, „wie der Neuanfang ohne die Hilfe durch missio bewältigt werden könnte“. Seine große Bitte: „Bleibt in dieser historischen Wendezeit an unserer Seite!“ Toni Görtz
missio-Länderreferent |
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