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„Eminenz, Exzellenz, liebe Freunde, im Namen der katholischen Bischöfe Iraks und in meinem Namen möchte ich mich bei der R.O.A.C.O. und der Caritas für die Einladung bedanken, über die aktuellen Bedürfnisse der Kirchen und der Gesellschaft im Irak zu berichten.
Die aktuelle Lage im Irak ist im Großen und Ganzen bekannt. Die Medien berichten über den Irak, ohne die Erlebnisse der zivilen Bevölkerung in den Vordergrund zu stellen. Nicht einmal die Tsunami-Katastrophe konnte die tägliche, brennende Dramatik der irakischen Nachkriegszeit verschleiern. Es erscheint mir angebracht, den Einfluss der Situation auf unsere Kirchen hervorzuheben, um ihre Bedürfnisse besser zu verstehen. Traditionelle Kirche in einer auseinanderbrechenden Gesellschaft
Seit dem Fall Bagdads am 9.4.2003 ist die irakische Gesellschaft vermutlich auf lange Sicht in eine Phase eingetreten, in der verschiedene Strukturen explodieren und implodieren. Die Besatzungsmächte haben alle staatlichen Institutionen beseitigt. Die daraus folgende Leere ist unverzüglich von zahlreichen ethnisch-politisch-religiösen und auch mafiösen Kräften ausgefüllt worden, die jahrzehntelang eingefroren, blockiert und kontrolliert waren. Die Gesellschaft hat sich als Ansammlung verschiedener Volksstämme bestätigt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, oft als Geselligkeit gefeiert, haben sich als äußerst konfliktreich, aggressiv, ausschließend und durch ein Klima der totalen Unsicherheit relativiert.
Ich möchte mich nicht weiter über diese Veränderungen auslassen, sondern vielmehr die Konsequenzen für die Kirchen beleuchten: a) Auch wenn das irakische Christentum vertreten durch manchen qualifizierten „decision maker“ und aus gewissen kulturellen Öffnungen heraus eine gewisse Modernisierung durchlaufen hat, bleibt es sehr traditionell. Das betrifft seine Liturgie, seine Hierarchie, seine Werte sowie seine primären Strukturen. Durch den Zerfall der irakischen Gesellschaft musste sich das Christentum mit Bedürfnissen, Provokationen und Herausforderungen konfrontieren, die gleichermaßen traditionell als auch modern sind. Das Christentum muss sich eine Identität geben, um in einer Gesellschaft, in der sich viele in ihre ethnisch-religiöse Tradition zurückziehen, überleben zu können. Es muss sich mit den Vorbildern des modernen Lebens messen, welche die Haushalte sowohl durch Satellitenanlagen als auch durch die Alliierten besetzt haben. Ebenso mit den zahlreichen NGO’s, die sich heute zurückgezogen haben und die Iraker zurücklassen, ihr Werk zu vollenden; und mit den Unternehmern. Nicht zu vergessen den „ Predigern“, den ersten Früchten der Besetzung, welche die Muslime provozieren und die Spaltung der Christen vergrößern.
b) Die Entwicklung auf allen Ebenen ist die große Herausforderung, die von der Kirche verlangt wird und die nicht nur eine moderne und offene Anschauung betrifft, sondern die auch beim Personal, den Strukturen und Mitteln erfüllt werden muss: von der Philosophischen und Theologischen Fakultät zu den ersten Katechismusklassen, über die verschiedenen Zentren der biblisch-religiösen Ausbildung hin zu Lehrern, Räumlichkeiten und audio-visuellen Lehrmitteln usw.
c) Die christlich-irakische Familie ist, obwohl ebenfalls traditionell, im Begriff sich zu spalten. Sei es aufgrund der Emigration, aus sozial-ökonomischen Gründen oder aus nicht angepassten kulturellen Vorbildern.
d) Die oft melancholische oder besser gesagt verzweifelte Jugend, meistens von einer besseren Zukunft träumend, erliegt der Versuchung, dem erst besten zu folgen, der Hilfe oder Visum anbietet oder der Freiräume schafft, um die Zwänge abzulegen, die von der alten Regierung oder der Tradition auferlegt wurden, und die alle gefangen hält. Ich denke, dass in dieser dramatischen Phase im Irak die christliche Jugend instabil ist.
e) Die Frau, die zum ersten Mal in der irakischen Konstitution über eigene, wenn auch provisorische Rechte verfügt, erscheint in unserer Kirche mit neuen Problemen, die bewältigt werden wollen.
f) In einer sich auflösenden Familie, die über verschiedene Kontinente verstreut ist und ihre Zukunft woanders sucht, fühlen sich die Alten im Stich gelassen; nicht mehr als Segen, sondern mehr oder weniger als Last akzeptiert. Auch sie sind für die Kirche ein Problem.
g) Die Zahl der Behinderten, der Waisen und der Verlassenen hat zugenommen. Die verschiedenen Kriege und fortgesetzten Gewalttaten sind die bekannten Gründe dafür.
h) Die allgemeine Gesundheit ist nicht mehr geschützt und abgesichert wie früher. Darum wird es eine wichtige Aufgabe sein, den Menschen zu helfen und sie zu schützen.
i) Vielen fehlt eine Arbeit. Die Angst von vielen und speziell der Christen eine Arbeit bei den Alliierten, einem ausländischen Unternehmen oder beim eigenen Staat anzunehmen, verurteilt viele zur Arbeitslosigkeit. Die Furcht in einer Gesellschaft, die sich ohne Übergang von einer Diktatur zur Anarchie gewandelt hat, hemmt viele die Initiative zu ergreifen. Die Weigerung für geringe Gehälter zu arbeiten, die sich im Vergleich zu den Zahlungen der Alliierten oder der Regierung ergeben, die aber in einer Gesellschaft mit wirtschaftlichem Verfall normal wären, lässt einen gewissen Teil der Arbeitskräfte in einer trägen Erwartung auf eine bessere Zukunft verharren, die sich aber nur mit Mühe ankündigt. Übriggebliebene landwirtschaftliche Gebiete sowie christliche Städte im Norden, denen die Infrastruktur zur Entwicklung fehlt, tun sich schwer mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze, derweil Städte wie Mossul für viele bedrohlich geworden sind. Neue Bedürfnisse und offene Fragen Ich werde einfach und kurz die Bedürfnisse erläutern, wie sie sich für die verschiedenen Diözesen und aus dem Geschilderten ergeben:
a) Die Notwendigkeit zu einem innerkirchlichen Pastoralplan. Dieser existiert noch nicht, und ich bin mir nicht sicher, ob er sich alleine in diesen dunklen Zeiten verwirklichen lässt. Unserer Bischofskonferenz, die noch dabei ist sich zu organisieren, gelingt es durch die politisch-militärische Situation seit fast einem Jahr nicht, sich zu treffen. Ihre Ausschüsse haben Mühe normal zu arbeiten. Zudem fehlt noch ein richtiger Sitz.
b) Der Bedarf an Universitäts- und allgemeiner Ausbildung ist enorm. Die bestehenden Zentren müssen durch Lehrkräfte und Lehrmittel verstärkt werden. Neue Zentren müssen entstehen. Dieses gilt für alle Diözesen.
Unter diesem Aspekt ist die Wiederherstellung der katholischen Erziehung ein großer Wunsch, der jedoch Gelder benötigt für:
- die Ausbildung von Erziehern und Lehrern bzw. von lehrenden Erziehern
- der Renovierung und dem Neubau von Schulen und den neuen Erziehungszentren
- die Ausweitung von Kindergärten
- adäquaten computergestützten und audio-visuellen Lehrmitteln.
c) Um die Migration zu reduzieren, sollte man in erster Linie unter den Gläubigen die Hoffnung beleben. Unter diesem Aspekt hat ein Eingreifen nicht nur eine Auswirkung auf das kirchliche und theologische Leben, sondern auch auf viele praktische Dinge: ein Haus und eine Arbeit für jeden. Man sollte somit die Pläne für soziale Wohnungen verwirklichen, bei denen junge Paare und kinderreiche Familien begünstigt werden.
d) Um den Wünschen der Jugend zu entsprechen, zeigen sich alle Diözesen begeistert, wenn es um die Entstehung von Jugendzentren geht. Diese sollten als Ausbildungs- und Begegnungsstätte, für sportliche Aktivitäten, Gymnastik, als auch der Kommunikation dienen. Dieses setzt enorme Investitionen voraus.
e) Für den Transport der Studenten von den Dörfern hin zu den städtischen Universitätszentren benötigen viele Diözesen, insbesondere die der Provinz Ninive (Mossul), Geld. Die gleichen Anfragen kamen von den Diözesen für den Transport von Kindern und Erwachsenen im Rahmen der Katechese.
f) Die Errichtung und Betreuung von soziokulturellen Zentren, die sich um die Aufnahme und Betreuung von Kindern oder auch jungen Behinderten, Depressiven, Drogensüchtigen oder ähnlichen Fällen kümmern. Die Bezeichnung soziokulturell scheint für die Verwandten weniger demütigend zu sein und wird besser angenommen.
g) Die Diözesen im Norden, deren Gläubige größtenteils noch in Dörfern leben, bitten um Hilfe für handwerkliche, landwirtschaftliche und industrielle Kleinprojekte zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Integration derer, die aus Angst vor der bedrohlichen Lage in Städten wie Mossul in ihre Heimatdörfer zurückkehren und nur schwer eine Beschäftigung finden.
h) Alle Diözesen wünschen ein Fortführen der Krankenversorgung, mehr Praxen, Kliniken und Apotheken, die der Bevölkerung offen stehen. Die schon existierenden Strukturen sind ein wirklicher Erfolg und ein Grund der Hoffnung für die Bevölkerung, die nicht mehr über eine flächendeckende medizinische Versorgung verfügt.
i) Für die Verwirklichung von Fernsehsendern und Kinos, um die Mittel zur Evangelisierung zu modernisieren.
j) Für die Unterstützung und Entwicklung von katholischen Kleinbuchläden.
Zusammenfassung
Wie Sie feststellen können, sind die Bedürfnisse verschiedenartig und betreffen viele Ebenen. Die Kirche muss bei ihrer Arbeit in dieser zerstörten Gesellschaft ohne vertrauenswürdige staatliche Institutionen global auf zahlreiche Notstände antworten. Um dies umzusetzen, wünscht sie sich moralische, kulturelle und ökonomische Unterstützung. Ferner wünscht sie sich Verständnis und Akzeptanz, dass Hilfe für die Kirche Hilfe für alle Iraker bedeutet. Übersetzung aus dem Italienischen:
Maria Grazia Scardaccio
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