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Father Emanuel Youkhana zur gegenwärtigen Lage der Christen im Irak

 

  Das Interview führte Anja Katrin Tollhausen, Referentin in der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, am 18. April 2005  
 

 
 

missio: Vater Emanuel könnten Sie uns bitte einen allgemeine Überblick über die politische und gesellschaftliche Lage im Irak nach den ersten freien Wahlen geben?

Fr. Emanuel: Nach Jahrzehnten der ethnischen, religiösen und konfessionsbezogenen Diskriminierung wurden im Irak die ersten freien Wahlen durchgeführt. Jeder irakische Bürger wählte aufgrund seiner ethnischen, religiösen oder konfessionellen Identität. Die Mehrheit erzielten die Schiiten. Die Kurden konnten eine sehr wichtige Fraktion bilden. Die Sunniten nahmen nicht an den Wahlen teil. Der politische Prozess ist damit von zwei leitenden Fraktionen abhängig, den Schiiten und Kurden. Gemäß dem Verwaltungsrecht für die Übergangszeit, müssen alle Abkommen, die den Regierungsausschuss (Präsident und zwei Stellvertreter) und Premierminister betreffen mit einer zweidrittel Mehrheit der 275 Parlamentarier beschlossen werden. Diese Mehrheit kann nur dadurch erreicht werden, dass die beiden Fraktionen - bestehend aus 140 schiitischen Stimmen und 75 kurdischen Stimmen - gleich abstimmen.

missio: Wir wissen, dass es Streitpunkte zwischen den Fraktionen gibt. Können Sie uns diese näher beschreiben?

Fr. Emanuel: In der Tat gibt es jedem Menge Konfliktstoff zwischen den Fraktionen und es gibt viele Streitpunkte zwischen beiden Fraktionen. Die Kurden verlangen zum Beispiel, dass das sich das irakische Regierungssystem an ethnischen und geographische Rahmenbedingungen orientieren soll. Während nach schiitischem Verständnis islamische Gesetze der Hauptbezugspunkt der in der irakischen Verfassung festgelegten Gesetzgebung sein sollen, lehnen Kurden diese Gesetze ab und fordern den Islam als Bezugspunkt. Sie verlangen eine Trennung von Kirche und Staat, wodurch auch Minderheiten wie Christen geschützt werden.

Es ist darüber hinaus strittig, wie mit der Region Kirkuk umgegangen werden soll, die aufgrund ihres reichen Ölvorkommens strenger arabischer Richtlinien des ehemalige Regimes Saddam Husseins ausgesetzt war.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Verteilung hoher politischer Ämter wie die des Präsidenten, seiner Stellvertreter, die der Stellvertreter des Premierministers, des Parlamentsvorsitzenden und die der wichtigsten Ministerien. Zudem ist unklar wie das irakische Volkseinkommen verteilt werden soll. Es ist unklar, welchen Status die kurdischen Peshmarga bekommen sollen.

Trotz dieser unterschiedlichen Ansichten könnte ich mir vorstellen, dass die politischen Ämter voraussichtlich folgendermaßen verteilt werden:

Für das Amt des Präsidenten kommt aus meiner Sicht der Kurde Jalal Talabani in Frage. Seine Stellvertreter werden dann ein Sunnit und ein Schiit sein.

Premierminister könnte Ibrahim Al Jaafari, ein Schiit, werden, der dann einen kurdischen und sunnitischen Stellvertreter hätte. 

Beide Fraktionen haben sich darauf geeinigt arabische Sunniten in den politischen Prozess mit einzubinden. Dies bedeutet, dass sie sowohl an Sitzungen des Regierungsausschusses, am Kabinett  und Verfassungsausschuss teilnehmen dürfen. Die Integration soll die wichtigste Aufgabe des Parlaments, eine irakische Verfassung zu entwerfen, unterstützen.

missio: Wie wirken sich Ihrer Einschätzung nach die Meinungsverschiedenheiten auf die Stimmung in der Bevölkerung aus?

Fr. Emanuel: Die Iraker erkennen die Bemühungen beider Fraktionen, einen Konsens zu finden. Aber die Meinungsverschiedenheiten wirken sich mit der Zeit sehr negativ auf die Stimmung im Irak aus. Es fällt immer wieder auf, dass das Land über keine politischer und sicherheitspolitischer Stabilität verfügt. Dabei ist die instabile sicherheitspolitische Lage für die irakische Zivilbevölkerung das größte Problem, weil sie sich schon lange nach friedlichen Zeiten sehnen.

Trotz aller Meinungsunterschiede zwischen Schiiten, die durch ihre religiösen Ansichten motiviert sind, und den Kurden, die darauf hoffen die innenpolitische Stabilität herzustellen, bin ich optimistisch, dass in den nächsten Tagen ein Konsens gefunden werden wird und der politische Prozess weiter vorangetrieben werden kann.

missio: Wenden wir uns einmal näher dem Amt des Präsidenten zu. Welche tatsächliche Machtposition wird von diesem Amt ausgehen?

Fr. Emanuel: In der Tat wird das Amt des irakischen Präsidenten eher ein symbolisches und Verhandlungsführendes sein als ein beschlussfähiges. Der Kandidat, der die besten Chancen hat diese Position auszufüllen ist momentan Herr Jalal Talabani, ein kurdischer Politiker. Er ist ein Liberaler und wünscht einen säkularen Staat. Das wichtigste politische Amt ist jedoch das des Premierministers. Die Wahl hat ergeben, dass der nächste Amtsinhaber ein Schiit sein wird. Der momentane Anwärter ist Fraktionsführer der Irakischen Islamischen AlDawa Partei, Herr Ibrahim Al Jaafari. Seine Partei ist eine islamische Schiiten Partei, die über die letzten Jahrzehnte eng mit dem Iran zusammen gearbeitet hat. Die Schiiten versuchen die Rolle des Islams in die irakische Verfassung und als Bezugspunkt für die Gesetzgebung zu verstärken. Auf der anderen Seite lehnen kurdische Nationalisten mit dem derzeitigen irakischen Premierminister, dem Kurden Iyad Allawi, und seiner 40 Stimmenstarken Fraktion die Versuche der Schiiten ab. Unser Ziel ist es jedoch, einen irakischen Staat zu schaffen, der liberaler und moderner als seine arabischen Nachbarn ist.

missio: Eine Frage, die jeden beschäftigt, ist die Frage nach den Chancen auf einen säkularen Staat. Wo sehen sie Hindernisse oder vielleicht sogar Chancen?

Fr. Emanuel: Leider wird es schwierig sein, einen säkularen irakischen Staat mit der momentanen politischen Lage und den vorherrschenden Machtverhältnissen zu realisieren. Jedoch versuchen wir einen demokratischen Staat aufzubauen, in dem die Grundrechte des Menschen respektiert werden. Neben den politischen Gruppen, spielt die Öffentlichkeit dabei eine große Rolle. Der Irak und seine Bürger brauchen Zeit. Eine neue politische Kultur, in der Politiker und Bürger Menschenrechte fördern und schützen und jeder Mensch ein Recht auf politische Willensbildung und Religionsfreiheit hat, entsteht nicht über Nacht. Nehmen Sie die aktuellen Gegebenheiten: den christlichen Glauben für sich zu leben und zu einer christlichen Gemeinde zu gehören ist nicht ausreichend, um als von Religionsfreiheit zu sprechen. Wahre Religionsfreiheit ist durch Gesetzte geschützt, die eine Gleichberechtigung von verschiedenen Glaubensrichtungen unterstützten und jedem erlauben, die eigene Religion selbst zu wählen oder zu konvertieren.

missio: Gibt es eine Rechtsgrundlage, die einen Demokratisierung im Irak begünstigt?

Fr. Emanuel: Im Verwaltungsrecht für die Übergangszeit, TAL, wird deutlich, dass der Irak ein demokratisches und offeneres politisches System wünscht. TAL ist zudem die Rechtsgrundlage für die irakische Verfassung und ist, bezogen auf den Islam, einer der Hauptbezugspunkte für die Gesetzgebung. Es garantiert die politischen, kulturellen und administrativen Rechte aller irakischen Minderheiten. Andere Indikatoren dafür, dass sich der Irak in einen demokratischeren Staat verwandelt, sehen wir in den politischen Äußerungen und Stellungnahmen der Politiker, insbesondere die der Kurden und von Herrn Allawi. Der Islam soll im neuen Irak keinen so hohen Stellenwert mehr haben wie bisher.

missio: Kommen wir zu den christlichen Parteien. Welchen Einfluss können Christen im politischen Prozess nehmen und wovon wird ihr Einfluss abhängen?

Fr. Emanuel: Irakische Christen organisieren sich in vielen politischen Parteien. Zusammengenommen haben wir sechs Sitze im Parlament. Der Grad der Einflussnahme beruht nicht auf der politischen Größe oder darauf wie viele Christen es im Irak gibt. Der Einfluss, oder besser gesagt die Teilnahme christlicher Parteien am politischen Diskurs basiert darauf, dass die Parteien alle irakischen Gruppen (Christen mit eingenommen) beachten und in politische Institutionen integrieren. Die Tatsache, dass Christen, die im Irak geboren sind, am politische Rechte haben, zeigt, dass das politische System im Irak bereits demokratischer wird und Menschen verschiedenster Identitäten respektiert werden.

missio: Richten wir unseren Blick auf Ihre Heimat Kurdistan, Nordirak. Wie ist dort die Lage im Unterschied zu den andern irakischen Gebieten?

Fr. Emanuel: Seit 1991 ist Kurdistan ein unabhängiger Staat und wird von einer eigenen Regierung und einem gewählten Parlament verwaltet. Nach 15 Jahren der Selbstverwaltung ist Kurdistan eine sichere und politisch stabile Region und verfügt, verglichen mit anderen irakischen Regionen, über einen guten öffentlichen Dienst, Schulen, Krankenhäuser, eine Kommunikationsinfrastruktur usw. Natürlich gab es in den letzten Jahrzehnten heftige Konflikte und Bürgerkriege zwischen den beiden kurdischen Parteien, KDP und PUK, jedoch konnten diese Auseinandersetzungen geschlichtet werden. In Kurdistan ist die Anzahl von terroristischen Übergriffen sehr gering. Dies trifft auch auf Nineveh Plain im Norden und im Osten von Mosu zu. Es ist eine Region mit einer christlichen und Yezedianischen Mehrheit.

missio: Können Sie schildern unter welchen Bedingungen die christliche Minderheit im Irak lebt? Hat sich das Leben für irakische Christen unter der neuen Regierung spürbar verbessert?

Fr. Emanuel: Im Allgemeinen kann man sagen, dass die momentane Situation der irakischen Christen und die aller anderen Iraker besser ist als unter dem Regime Saddam Husseins. Es ist jedoch schwierig die momentane Situation mit den Bedingungen unter Saddam Hussein zu vergleichen, denn auch heute gibt es viele Probleme. Fehlende Sicherheit, Terror, Arbeitslosigkeit, politische Unordnung usw. sind für alle Bürger im Irak problematisch. Je nach Region sind Iraker stärker von der einen oder anderen Problematik betroffen. Die unsichersten und schlimmsten Regionen sind die, in denen Sunni leben. Irakische Christen haben ein doppeltes Problem. Auf der einen Seite das eines jeden anderen Irakers und auf der anderen Seite, ein viel schwerwiegenderes, nämlich der Fakt das sie Christen sind. Unter dem ehemaligen Regime waren irakische Christen, ihre Kirchen und ihr Lebensstil ein Ziel vieler islamischer Terrorgruppen. Nach der Befreiung des Iraks und der neuen Macht– und Rechtsverteilung sind christliche Gemeinden wieder Ziel einer Reihe von Angriffen geworden.

missio: Fr. Emanuel, Sie sagen, dass die Christen auch nach den Wahlen wieder das Ziel von Angriffen und Gewalt sind. Handelt es sich hierbei aus ihrer Sicht um temporäre Ausschreitungen oder müssen wir uns auf eine Gewaltwelle einstellen?

Fr. Emanuel: Zuerst wurden Christen angegriffen, die Läden besaßen in denen Alkohol verkauft wurde. Viele von ihnen kamen ums Leben, als ihre Geschäfte in Brand gesetzt wurden. Dies geschah hauptsächlich in Basrah und anderen südirakischen Städten. Danach wurden christliche Frauen gezwungen sich mit Burkas zu verhüllen. Später waren Friseursaloons und Musikläden Ziele der Übergriffe. Die Angriffe, die Christen am stärksten psychologisch und moralisch verletzten, waren die Gewalttaten gegenüber christlicher Kirchen in Baghdad und Mosul. Christen stellen allgemein ein leichtes Ziel für terroristische Gruppen dar, da sie meist friedliebende Gemeinden sind, die keine Rache üben. Die Terroristen konnten so einfach Iraker töten, die mit ausländischen Unternehmen oder den alliierten Truppen zusammenarbeiten und sie fielen Kidnappern zum Opfer, die politische Ziele verfolgen oder Geld fordern.

Trotz allem denke ich, dass es sich hierbei um eine temporäre Situation handelt. Es ist besser, anstatt immer auf die schlechten Seiten zu schauen, sich auf die guten Seiten zu konzentrieren. Zum ersten Mal können christliche Gemeinden im Irak ihr Gemeinde-leben auf den verschiedensten Ebenen ausleben: politisch, medial, kulturell, sozial usw. Leider beurteilen die Menschen, die Bürger des Iraks, die Situation nur anhand der täglichen terroristischen Übergriffe und übersehen dabei die Chance, die sich für den Irak bietet.

missio: 44 000 Christen sind bereits aus ihrer Heimat geflohen, müssen wir auch heute noch von einem Exodus der Christen sprechen?

Fr. Emanuel: Die Hauptphase, als Christen den Irak verließen, war nach den Attacken auf Kirchen im August, Oktober und Dezember. Ungefähr 44 Tausend Christen flohen nach Syrien und Jordanien. Einige Tausend flohen von Basrah, Bagdad und Mosul nach Kurdistan und Nineveh Plain. Nach den Wahlen ist die Situation nun stabiler. Jedoch halten sich Familien, die in die Nachbarländer geflohen sind, immer noch dort auf!

missio: Was könnte den Exodus stoppen?

Fr. Emanuel: Irakische Christen fliehen innerhalb des Landes und in Nachbarländer, weil sie Angst vor der Zukunft haben und die momentane Situation aufgrund Anti-christlicher Übergriffe so unsicher geworden ist. Christen im Irak könnten mit mehr Vertrauen in die Zukunft schauen, wenn die Iraker sie darin unterstützen würden einen demokratischen Staat zu schaffen und den politischen Prozess zu beschleunigen. Dies würde zu einem Rückgang der terroristischen Übergriffe führen. Andere akute Bedürfnisse sind eher materiell. Die meisten der vertriebenen Christen kommen aus Kurdistan und Nineveh Plain. Sie brauchen Unterstützung beim Wiederaufbau ihrer Städte, Häuser, Schulen, Bepflanzung und für andere Grundbedürfnisse. Viele Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) versuchen zu helfen. Auch die kurdische Regional-Regierung. Jedoch wird noch mehr Hilfe benötigt, insbesondere von der Europäischen Union und europäischen Ländern.

missio: Wir hören hier aus unterschiedlichen Quellen, dass die geleistete finanzielle Hilfe die Christen nicht erreicht. Können Sie uns dazu etwas sagen?

Fr. Emanuel: Meine Antwort darauf lautet: Diese Berichte übertreiben. Sie basieren darauf, dass das Geld mit Hilfe der Regierungsinstitutionen in Baghdad und Erbil (für die kurdische Region) verteilt wird. Natürlich geschieht dies mit der Unterstützung von irakischen Regierungspartnern. Ich gebe zu, dass es dort ein Problem der Korruption gibt, aber dies ist etwas was alle Iraker betrifft. Damit meine ich, dass nicht nur Christen dadurch betroffen sind. Auf der anderen Seite haben die Nicht-Regierungs-Organisationen ihre lokalen Partner. Es gibt viele lokale christliche humanitäre Nicht-Regierungs-Organisationen, die von europäischen Partnern unterstützt werden. Das christliche Hilfsprogramm Nohadra – Irak CAPNI, das ich repräsentiere, ist eine der christlichen humanitären Organisationen im Irak. Und auch CAPNI wird von vielen deutschen und europäischen christlichen humanitären Organisationen unterstützt.

missio: Wie werden sich Ihrer Ansicht nach ethnische und religiöse Minderheiten entwickeln? Und welchen Schutz gibt es für sie?

Fr. Emanuel: Es gibt zwei Aspekte, die mit diesem Thema zusammenhängen. Auf der einen Seite ist da der theoretische, sehr wichtige Aspekt des Minderheitenschutzes, der sich in der Verfassung und irakischer Gesetzgebung ausdrückt. Ich bin optimistisch, dass die irakische Verfassung und die damit verbundene Gesetzgebung dadurch dass sie auf TAL basiert sehr fortschrittlich sein wird; insbesondere verglichen mit anderen arabischen oder islamischen Ländern. Der Fortschritt wird sich in den Grundrechten ausdrücken, die religiöse, kulturelle, politische und  administrative Freiheit und Mitwirkung von Minderheiten garantieren. Und es fördert das Recht der Minderheiten auf Schutz, Ausdruck und Verbesserung ihrer eigenen persönlichen Identität. Es gibt bereits einen Beschluss darüber, dass jedes zentrale und regionale Kabinett einen christlichen Minister haben soll. Wenigsten jedoch einen Stellvertreter und Botschafter. Der zweite Aspekt des Minderheitenschutzes ist die Art und Weise wie er ausgelebt wird. Dies wird von Region zu Region unterschiedlich sein und von der Bildung, Kultur und politischen Situation in jeder Region abhängen. Ich erwarte, dass gerade in Kurdistan die Grundrechte als Teil des alltäglichen Lebens voll praktiziert werden. Es wird jedoch lange dauern bis diese Rechte ihren Weg in Regionen finden, die stark vom Islam beeinflusst sind.

Um die theoretische und praktische Seite des Minderheitenschutzes in der neuen Zivilkultur des Iraks zu integrieren, bedarf es europäischer und internationaler Institutionen sowie sozialer Organisationen, die ggf. eingreifen und Betreuungsprogramme entwickeln.

missio: Denken Sie, dass durch das Streben der Kurden nach Separatismus ethnische Konflikte im übrigen Irak folgen könnten?

Fr. Emanuel: Wir können zwar den Drang der Kurden nach Separatismus sehen und verstehen es auch, jedoch haben kurdische Politiker nie offiziell darum gebeten. Dieser Umstand wir jedoch immer wieder von Nachbarländern genutzt, um in die nationale Politik des Iraks einzugreifen. Diese Länder haben oft selber Probleme mit ungelösten ethnischen Konflikten. Wir müssen zugeben, dass auch wir wegen jahrzehntelanger ethnischer Diskriminierung ethnische Konflikte im Irak haben. Die ethnischen Gruppen im Irak verlangen danach ihre ethnische Identität zu leben, anstatt nach der allgemeinen irakischen Kultur. Ich kann das gut verstehen und glaube daran, dass die vorherrschenden Konflikte mit Beginn der neuen Verfassung geschlichtet werden können sobald die verschiedenen ethnischen Gruppen ihre Identität darin berücksichtigt sehen.

missio: Bezogen auf die gegenwärtige Situation, könnten Sie die Rolle der Katholischen und Assyrischen Kirchen im Irak beschreiben?

Fr. Emanuel: Um ehrlich zu sein, ist die Rolle irakischer Kirchen ungefähr zwei Jahren nach der Befreiung noch nicht so relevant für die christlichen Gemeinden und irakischen Politiker. Generell hat die Kirche es, von einigen Ausnahmen abgesehen, in den letzten zwei Jahren nicht geschafft die Chancen im Irak zu nutzen. Die irakische Gesellschaft im Allgemeinen und die irakischen Christen im Besonderen bemühen sich momentan darum das Moralverständnis wieder aufzubauen, das durch das ehemalige Regime systematisch zerstört wurde. Politische Instrumente sind ein Werkzeug um dies zu erreichen. Jedoch müssen die Kirchen die Iraker darin unterstützen ihre Würde und Werte wieder zu gewinnen und einen gemeinsamen Konsens zu finden. Leider sehen die meisten Kirchen nicht, dass diese schwere Aufgabe für sie bestimmt es. Es ist sehr schlimm, dass es wegen nationaler Konflikte in AssyoChaledean zu internen Problemen in den Kirchen gekommen ist. Konfliktpunkte sind der Streit um den Namen der Gemeinde (Chaledean, Assyrien oder AssyroChaledean) und welche Kandidaten an der irakischen Versammlung teilnehmen dürfen sowie andere politische Probleme. Anstatt einen Lösungsansatz zu bieten, sind die irakischen Kirchen immer noch Teil des Konflikts in den christlichen Gemeinden.

missio: Denken Sie in diesem Zusammenhang insbesondere an die Verteilung der Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Herausforderungen?

Fr. Emanuel: Bis heute hat sich trotz der Veränderungen im Irak die Liturgie und Tradition in den Kirchen nicht verändert. Natürlich gibt es nun mehr humanitärer Hilfe und Gesundheitsdienste, die von kirchlichen Organisationen und Krankenhäusern gefördert werden. Wir können zwar sagen, dass die Kirchen unter der schlechten sicherheitspolitischen Lage des Landes leiden, jedoch ist dieser Umstand nicht eine Entschuldigung für alles was nicht so gut wie erwartet läuft. Abgesehen von der instabilen, unsicheren Lage sollten die Kirchen ihre Aktivitäten und Verantwortlichkeiten analysieren und neue Methoden und Mittel finden. Sie könnten lokale Radio- und TV-Sender aufbauen und fördern, Aktivitäten für Jugendliche anbieten und Wege für zur Versöhnung finden usw. Abgesehen von einigen wenigen Protokollen und Absichtserklärungen ist des den Kirchen auch noch nicht gelungen, die Ökumene im Land zu fördern. Während die christlichen Kirchen als Ganzes von terroristischen Gruppen angegriffen werden, organisieren sie sich gesondert von einander!! Die einzige Ausnahme ist das Babylon College in Bagdad.


missio: Wie werden Kirchen in Zukunft aussehen und welche Rolle wird sie einnehmen können?

Fr. Emanuel: Meiner Ansicht nach sollten die einzelnen Kirchen und die christliche Kirche als Ganzes ihre liturgischen, spirituellen und erzieherischen Richtlinien überdenken und erneuern. Eine apostolische Kirche ist kein Museum. Um die Strukturen zu erneuern, braucht man für das alltägliche Leben klare Visionen, insbesondere bezogen auf die Kinder- und Jugendarbeit. Nach jahrzehntelangen Kriegen und dem Terror eines totalitären Regimes unter Saddam Hussein sowie durch die momentane unsichere Lage, hat die irakische Gesellschaft, hauptsächlich die jungen Leute, mit einer Vielzahl moralischer und sozialer Problem wie Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Dazu kommen Kriminalität, Drogen, Pornographie und vieles mehr. Der Staat als solcher kann diese Probleme nicht beheben. Aber die Kirche kann Hilfe leisten. Dafür wird Material für Kirchen, Katechesen, Grundschulen, soziale Einrichtungen, Publikationen usw. benötigt.

Ich glaube, dass die irakischen Kirchen in der Zukunft eine große Rolle spielen werden, wenn sie so schnell wie möglich ihre gegenwärtige Ausrichtung überdenken und überarbeiten und gemeinsam ein Konzept erarbeiten. Der neue Irak bietet die Möglichkeit jeden Plan der Kirche zu realisieren. Wir, die Kirchen, müssen jedoch bald reagieren und es in Angriff nehmen.

missio: Könnten Sie für uns abschließend Ihre Schlussfolgerungen zusammenfassen?

Fr. Emanuel: Ich bin optimistisch, dass der Irak die gegenwärtige kritische Phase auf den Weg zu einem multi-ethnischen und multi-religiösen Staat meistern wird. Der Irak ist ein reiches Land, bezogen auf die Menschen, die dort leben als auch auf die Wirtschaft. Durch sie wird der Irak den Wiederaufbau schaffen. Zudem ist der Irak reich an Geschichte und Ursprung der Mesoptamian Assyrian, Chaldean und Sumerian Zivilisation. Der Irak ist das Heimatland früher christlichen Gemeinden und Kirchen, die Jahrhunderte lang bekämpft, unterdrückt und diskriminiert wurden. Die christliche AssyroChaldean Gemeinde im Irak und die dazugehörigen Kirchen werden überleben und eine wichtige Rolle im Wiederaufbau des Iraks spielen. Unsere Gebete gelten diesem wichtigen Ziel. Bitte unterstützen sie unsere Hoffnungen in ihren Gebeten.

missio: Vielen Dank für das interessante Gespräch und Gott schütze Sie!

 
   
 
Weitere Informationen bieten Ihnen unsere folgenden Webseiten:
 
 
 

Christian Aid Program – Nohadra - Iraq (CAPNI)
CAPNI is a local Christian humanitarian organization. It was established and registered officially in Dohuk in 1994, in which a new era in North Iraq had began where people started to return to their villages and refresh their lives.
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