Login   Kontakt   Suche   Sitemap   Spende   Drucken
/ Home / Menschen & Kulturen / Kontinente / Afrika / Liberia

 

Liberia – ein geknechtetes Land

 

   
 

Ein Artikel von Hans-Peter Hecking, Leiter des missio-Afrikareferates

 
 

In Liberia wiederholt sich die Geschichte innerhalb von nur 14 Jahren: 1989 rückte ein junger Rebell namens Charles Taylor mit seinen Anhängern auf die Hauptstadt Monrovia vor. Er entmachtete den verhassten Diktator Samuel Doe und ließ ihn vor laufenden Kameras bei lebendigem Leib zerstückeln. Heute sitzt dieser Rebell namens Taylor auf dem Präsidentenstuhl. Seine Beliebtheit ist kaum größer als damals die seines Vorgängers Doe. Und heute sind wieder Rebellentruppen dabei, Monrovia einzunehmen und das Land von Taylor zu befreien ... 

Der Kampf um Monrovia tobt. Am Freitag vergangener Woche begannen die Rebellen der LURD („Liberians United For Reconciliation And Democracy“) ihre Offensive auf die Hauptstadt. Es werden seitdem heftige Gefechte in den Randbezirken Monrovias gemeldet. Die Lage der rund 700.000 Flüchtlinge im Stadtzentrum ist verheerend. Es fehlt an geeigneten Unterkünften und sanitären Einrichtungen. Die Menschen campieren unter freiem Himmel. Wasser und Nahrungsmittel werden knapp. 
Französische Spezialeinheiten evakuierten Anfang der Woche mit Hubschraubern rund 300 Ausländer aus Monrovia auf ein Kriegsschiff vor der Küste. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief in einer Krisensitzung am Dienstag zur sofortigen Beendigung der Kämpfe auf.
Seit Anfang des Jahres rücken die ursprünglich von Guinea her operierenden LURD-Kämpfer, die vor rund vier Jahren ihren Angriff gegen das Taylor-Regime aufnahmen, von Norden und Nordwesten auf die Hauptstadt vor. Unterstützung erhalten sie von dem vor etwa drei Monaten geformten „Movement for Democracy in Liberia“ (MODEL), einer Rebellenorganisation, die von der Côte d’Ivoire her operiert. Wie es heißt, wird sie vom dortigen Präsidenten Laurent Gbagbo unterstützt, der sich so für Taylors Verwicklungen in die Rebellenkämpfe in diesem Nachbarland Liberias „revanchiere“. 
Es gilt als sicher, dass Taylor in den anhaltenden Konflikt in Côte d’Ivoire verwickelt ist. MODEL gelang es binnen kurzer Zeit, die strategische Kontrolle über die waldreichen Gebiete im Süden und Osten Liberias zu gewinnen. Damit hatte Taylor spätestens Ende Mai den Zugriff auf das Tropenholz und damit seine letzte wichtige Einnahmequelle verloren. 
Im ganzen Land sind circa eine Million Menschen auf der Flucht vor den anhaltenden Kämpfen zwischen der Regierungsarmee und Rebellengruppen, deren Ziel es ist, die Hauptstadt Monrovia einzukesseln. Bis auf Monrovia ist das Land praktisch ganz unter Kontrolle der Rebellen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann Monrovia fällt, die letzte Bastion des Taylor-Regimes.   

Liberia findet keinen inneren Frieden und keine Stabilität. Das Ende des letzten Bürgerkrieges zwischen 1989 und 1996 liegt erst sieben Jahren zurück. Nach vorsichtigen Schätzungen kamen damals rund ein Zehntel der Bevölkerung, das heißt mehr als 200.000 Menschen, häufig auf unvorstellbar grausame Weise ums Leben. Die Stimmung in der Bevölkerung ist seit Jahren geprägt von Ängsten und tiefer Depression. Erkennbare Lösungen zur Überwindung der wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes konnte die Taylor-Regierung seit ihrer Machtübernahme nicht anbieten. Und bei den Verantwortlichen der internationalen Völkergemeinschaft fehlt offenbar der politische Wille, auf eine nachhaltige Veränderung in Liberia hinzuwirken. Die Zukunft des Landes ist heute mehr denn je vollkommen ungewiss. 

Liberia mit seinen rund 2,72 Millionen Einwohnern ist die erste schwarzafrikanische Republik. Sie erlangte ihre Unabhängigkeit am 26. Juli 1847. Das Staatsgebiet, das ungefähr ein Drittel so groß ist wie Deutschland, war den Briten 1822 von der „American Colonization Society“ abgekauft worden, um dort freigekommene afrikanische US-Sklaven anzusiedeln. Regierungspartei war von 1878 für mehr als hundert Jahre die protestantisch-freimaurerisch geprägte „True Whig Party“ der afro-amerikanischen Liberianer, die mit nur drei Prozent Bevölkerungsanteil die Geschicke der Präsidialrepublik bestimmten. Die ehemaligen Sklaven knechteten Jahre lang die Bevölkerung der einheimischen Volksstämme mit einem sog. „Forced Labor-System“ - der Begriff „Slavery“ (Sklaverei) war verpönt - und verweigerten ihr gleiche Bürger- und Menschenrechte.   

1980 besiegelte ein blutiger Militärputsch unter Samuel Doe das Ende der Vorherrschaft der Ameriko-Liberianer. Aus den allgemeinen Wahlen 1985 gingen Doe und die von ihm gegründete „National Democratic Party“ (NDP) als Sieger hervor. Die Rebellenbewegung „National Patriotic Front“ (NPF) unter Charles Taylor drang 1989 in Liberia ein. Trotz Intervention der 1990 zur Beilegung des Konfliktes in Liberia gebildeten westafrikanischen Friedenstruppe ECOMOG (Economic Community of West African States Ceasefire Monitoring Group) entwickelt sich ein blutiger Bürgerkrieg gegen die Regierung Doe. Tausende von Kindersoldaten waren an den Kämpfen beteiligt, nachdem sie entführt und von den unterschiedlichen militärischen Gruppierungen zwangsrekrutiert wurden. Charles Taylor soll alleine für seine berüchtigte Einheit der „Small Boys“ 15.000 Kindersoldaten zwangsrekrutiert haben. Auch in den anhaltenden Kämpfen werden wieder Zwangsrekrutierungen von Kindern und Jugendlichen sowohl durch die Rebellenorganisationen als auch durch die Regierungstruppen gemeldet. 
Samuel Doe wurde im September 1990 brutal ermordet. Eine von der ECOMOG gestützte Interimsregierung konnte sich nicht durchsetzen. Immer wieder brachen schwere Kämpfe zwischen der ECOMOG, der NPF, den Anhängern Does und anderen Gruppierungen wie der INPFL („Independent National Patriotic Front of Liberia“) von Prince Johnson, einem für sein grausames Handeln besonders berüchtigtem Kriegsfürsten, aus. Es kam zu großen Fluchtbewegungen. Allein die Hauptstadt Monrovia musste während der Zeit des Bürgerkrieges 750.000 Flüchtlinge aufnehmen. Weitere 768.000 Liberianer flüchteten in die angrenzenden Länder. Erst 1996 einigten sich die verschiedenen Konfliktparteien unter Vermittlung der ECOWAS (Economic Community of West African Countries) auf einen Friedensplan. Im August 1997 fanden unter Beobachtung von UN-Organisationen Präsidentschaftswahlen statt, aus denen Charles Taylor als Sieger hervorging. Die Mehrheit der Flüchtlinge, die während des Bürgerkrieges das Land verlassen mussten, wurden mit Hilfe der Vereinten Nationen in ihre angestammten Dörfer zurückgeführt. Ein umfangreiches Programm zur Wiedereingliederung ehemaliger Kindersoldaten wurde auch unter maßgeblicher Beteiligung kirchlicher Organisationen durchgeführt. 

Präsident Charles Taylor unterdrückt die Bevölkerung und beutet das Land zusammen mit einer Clique Gleichgesinnter seit seiner Machtübernahme rücksichtslos aus. Er gilt als Unsicherheitsfaktor für die gesamte Region. In den 90er Jahren war er einer der maßgeblichen Kriegstreiber im benachbarten Sierra Leone, wo er die RUF-Rebellen mit Waffen für Diamanten belieferte. Er ist mitverantwortlich für die Gräueltaten und bestialischen Verstümmelungen an Zivilisten in Sierra Leone während des dort tobenden zehnjährigen Krieges, der 2002 zu Ende ging. Das in Freetown/Sierra Leone tagende und von der UN unterstützte Kriegsverbrecher-Tribunal erließ deshalb Anfang vergangener Woche einen Haftbefehl gegen Taylor. Die Anklage wirft ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Die Veröffentlichung des Haftbefehls erfolgte, als sich Taylor zu Friedensgesprächen mit den Rebellen in Ghana aufhielt. Die ghanaische Regierung widersetzte sich der Auslieferung mit der Begründung, dass kein formelles Gesuch vorliege, und flog Taylor nach Monrovia zurück.   

Im März 2001 verhängte die UN ein Embargo auf Diamanten („Blutdiamanten“) aus der Region und untersagte den Mitgliedern der Taylor-Regierung freie Reisen ins Ausland. Das Land ist seitdem politisch isoliert, die meisten Botschaften sind eh im Laufe des Krieges geschlossen worden. Anfang Juli diesen Jahres tritt endlich ein immerhin zehnmonatiges Exportverbot für Tropenholz aus Liberia in Kraft. Für viele unverständlich, dass der UN-Sicherheitsrat nicht bereits früher die Sanktionen auch auf den Holzexport aus Liberia ausweitete, denn der rücksichtslose Kahlschlag des tropischen Regenwaldes bedroht nicht nur das ökologische Gleichgewicht in der gesamten Region, sondern war bis in die jüngste Zeit auch eine wichtige Einnahmequelle für das Taylorregime. „Holz-für-Waffen“ hatte längst „Diamanten-für-Waffen“ ersetzt.   

Die seit Jahren ständig zunehmende Korruption im öffentlichen Leben erschließt sich dem Besucher auf den ersten Blick - überall Straßensperren. Die Polizisten und herunter gekommenen, schlecht ausgestatteten, jugendliche Soldaten unter Drogen oder Alkohol mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, halten sich an der Bevölkerung schadlos. Ihren kärglichen Sold erhalten sie die nur sporadisch.   

Die früher blühende Landwirtschaft (Export von Kaffee, Kakao, Ölpalmprodukten, Zuckerrohr und Baumwolle) ist ruiniert. Die Eisenerzindustrie, vor dem Krieg 51% des Ausfuhrwerts, steht still. Lediglich die 1929 für 99 Jahre an die amerikanischen Konzerne verpachteten riesigen „Firestone“- und „Goodyear“-Kautschukplantagen sind in tadellosem Zustand, und auch die geteerten Überlandstraßen vom Hafen in Monrovia zu dem „flüssigen Gold“ Liberias sind bestens gewartet. Die Lebensbedingungen der Arbeiter und ihrer Familien auf den Gummiplantagen jedoch sind verheerend. Sie erhalten gerade genug zum Überleben, die medizinische und schulische Versorgung ist schlecht, viele der Arbeiterkinder sind unterernährt.   

Das Gesundheitssystem ist miserabel. Nach Informationen kirchlicher Quellen gibt es im ganzen Land vielleicht noch hundert Ärzte. Viele Mediziner haben wegen fehlender Perspektiven nach dem Krieg in den 90er Jahren dem Land den Rücken gekehrt, meist in Richtung USA. Die Gesamtzahl der Liberianer, die seit 1996 das Land mangelnder Zukunftschancen und der unsicheren Lage wegen verließen, wird auf 200.000 geschätzt - darunter eine große Zahl gut ausgebildeter Bürgerinnen und Bürger, die das Land für den Wiederaufbau dringend bräuchte. Das einzige noch funktionierende Krankenhaus des Landes ist das von spanischen Brüdern geleitete St. Joseph’s Hospital in Monrovia. Neben den üblichen medizinischen Angeboten unterhält das katholische Hospital ein „Outreach-Programme“, in dem vor allem durch den Krieg traumatisierte Menschen und AIDS/HIV-Patienten und deren Familien psychologische und seelsorgliche Betreuung erfahren.   

Die öffentliche Infrastruktur liegt am Boden. Die Überlandleitungen der Stromversorgung sind seit dem Bürgerkrieg in den 90er Jahren noch alle gekappt. Das einzige Elektrizitätswerk der Hauptstadt in der Nähe des Freihafens ist seitdem außer Betrieb. Private Stromversorgung über Generatoren können sich nur die allerwenigsten leisten. Die meisten Regierungsgebäude, Banken und Botschaften - darunter auch die Päpstliche Botschaft, in der der verstorbene Erzbischof Johannes Dyba von Fulda zwischen 1979 und 1982 als Nuntius residierte - sind auch heute noch zerstört und nicht wieder aufgebaut. In den sogenannten „informal settlements“ (Slums) mit ihren notdürftig gedeckten Hütten rund um die Hauptstadt sind die Lebensbedingungen und Wohnverhältnisse besonders in der Regenzeit katastrophal. Kein Wunder, dass Malaria und Tuberkulose die Sterblichkeitsrate unter Säuglingen und alten Menschen in die Höhe treiben. Landesweit sterben 216 von 1000 Kindern, die Lebenserwartung liegt bei nur 51 Jahren.   

Im Zuge der seit Anfang 2003 verstärkt anhaltenden militärischen Aktivitäten sind viele der teilweise nach dem Krieg mit internationaler Hilfe wieder aufgebauten öffentlichen und kirchlichen Gebäude, Schulen und Gesundheitszentren erneut niedergebrannt und zerstört worden. Raub und Vergewaltigung von Frauen und jungen Mädchen sind wieder an der Tagesordnung. 

Vertriebene, die keine Zuflucht im eigenen Land finden, suchen Rettung im benachbarten Guinea, in Côte d’Ivoire oder in Sierra Leone. Allein in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Kenema/Sierra Leone an der Grenze zu Liberia, das ich im März diesen Jahres besuchte, wurden über 6.000 Menschen aus Liberia gezählt. Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen und katholische Priester wurden in den zurückliegenden Monaten entführt. Wegen der unsicheren Lage mussten internationale Nichtregierungsorganisationen ihre Arbeit in den meisten Landesteilen bereits vor Wochen einstellen und ihr ausländisches Personal ausfliegen.   

Die 50 hauptamtlichen und 450 ehrenamtlich tätigen Katechistinnen und Katechisten, kirchliche Laienmitarbeiterinnen und –mitarbeiter, die in der Sozial- und Pastoralarbeit in den Gemeinden tätig sind, bleiben auch in der derzeit kritischen Lage bei den Menschen in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Sie genießen daher auch bei der mehrheitlich nicht-christlichen Bevölkerung große Hochachtung – sicherlich ein Grund für das Wachstum der katholischen Kirche in diesem Land. Bei nur rund 50 Priestern in den drei Diözesen sind die Katechistinnen und Katechisten die wichtigsten Säulen kirchlicher Präsenz. 

Auch nach Meinung von internationalen Beobachtern kommt den religiösen Führern in der verworrenen Situation eine Schlüsselrolle bei friedensschaffenden Maßnahmen zu. Michael Kpakala Francis, der Erzbischof von Monrovia, nimmt seit Jahren unverblümt Stellung zu den Missständen in Liberia und redet der Regierung und den Rebellen gleichermaßen ins Gewissen. Er ist deshalb regelmäßig Zielscheibe von öffentlichen Denunzierungskampagnen. In seinem jüngsten Pastoralbrief vom Januar diesen Jahres prangert Francis mit eindringlichen Worten die desolaten Verhältnisse und die dafür Verantwortlichen in seinem Land an. Unmissverständlich fordert er dazu auf, sich für eine Gesellschaft in Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung einzusetzen. Erzbischof Francis ist der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz von Liberia (CABICOL) und Präsident des Inter-Religious Council of Liberia (IRCL). Er gilt als die charismatische Führungspersönlichkeit und moralische Autorität und genießt bei vielen Menschen im Land großes Vertrauen, auch über die katholische Kirche hinaus.   

Das Inter-Religious Council of Liberia ist das interreligiöse Gremium, in dem der ökumenische Rat der Christlichen Kirchen Liberias (LCC), und das National Muslim Council of Liberia (NMCL) seit 1990 zusammenarbeiten. Um Chancen für Friedensverhandlungen zu sondieren und den eskalierenden Konflikt zwischen LURD und Regierung zu überwinden, traf sich Anfang 2003 eine Delegation des Inter-Religious Council of Liberia mit Präsident Charles Taylor und auch mit LURD-Führern. Im Februar kam es auf Vermittlung des IRCL zu einer Zusammenkunft zwischen Vertretern der Rebellenorganisation und der ECOWAS (Economic Community of West African Countries), um Chancen für eine friedliche Beilegung des Konfliktes zu beraten. In der ersten Aprilwoche trafen sich 18 politische Parteien, darunter auch die regierende NPP (National Patriotic Party), mit dem IRCL. Dabei wurde eine Resolution unterzeichnet, in der die Regierung und LURD aufgefordert wurden, in direkte Verhandlungen zu treten, um einen Waffenstillstand auszuhandeln und alle Kampfhandlungen zu beenden.   

Niemand weiß in der derzeit prekären Lage, wie die für Oktober 2003 anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abgehalten werden sollen. Präsident Taylor deutete bereits vor Monaten unverhohlen an, dass er bei einer Niederlage wieder in den bewaffneten Untergrund gehen werde. Bereits im vergangen Dezember legten die Bischöfe der drei katholischen Diözesen des Landes - Monrovia, Cape Palmas (Harper) und Gbarnga - in einem Hirtenbrief detailliert die aus ihrer Sicht wichtigsten Bedingungen zur Durchführung „freier, fairer, demokratischer und transparenter“ Wahlen dar. Dazu zählen sie u.a. die Zusammenstellung einer neutralen Wahlkommission, die Registrierung der Wähler sowie die Ausbildung von Wahlbeobachtern und Wahlhelfern. Bei einer Analphabetenrate von ca. 80 Prozent im Land ist den Bischöfen eine ausführliche Bürger- und Grundrundrechtserziehung besonders wichtig. 

Die katholischen Bischöfe belassen es aber nicht nur allein bei Appellen. Obwohl mit nur rd. 4 Prozent der Gesamtbevölkerung eine verschwindend kleine religiöse Minderheit im Land, kommt der katholischen Kirche in der Arbeit für Gerechtigkeit und Frieden eine Vorreiterrolle zu. Die bischöfliche Kommission „Justice & Peace“ (JPC) unter Leitung von Mrs. Francis Johnson-Morris, der früheren Präsidentin des obersten Gerichtshofes, und unter dem Protektorat von Erzbischof Francis, leistet für die Verteidigung und Wahrung der Menschenrechte im Land einen unschätzbaren Dienst. So wurde beispielsweise im September 2001 von „Justice & Peace“ eine dreiteilige Publikation für den Unterricht über Menschen- und Bürgerrechte in Liberia herausgegeben, die in den meisten Schulen des Landes Verwendung findet. Unerschrocken weist die Kommission seit Jahren auf Verletzungen der Menschen- und Bürgerrechte im Land hin. In Vierteljahres-Berichten und aktuell über den von Missio in Aachen finanziell unterstützten katholischen Rundfunksender Radio Veritas gibt sie Informationen zur Menschenrechtslage in Liberia heraus. Im Vorfeld der Wahlen informiert Radio Veritas in einer Reihe von Sendungen über Bürger- und Menschenrechte sowie das Wahlrecht. 

Der katholische Rundfunksender Radio Veritas, der 1981 erstmals auf Sendung ging, ist der einzige freie Sender des Landes. Bei der hohen Analphabetenrate in der Region sind seine Magazin- und Nachrichtensendungen ein wirksames Mittel der Bewusstseinsbildung und der freien Informationsvermittlung auch für die benachbarten Länder. Er ist das oppositionelle Organ in Liberia. Genau deshalb wurde das ehemalige Rundfunkgebäude direkt neben der Kathedrale in Monrovia während des Krieges in den 90er Jahren zerstört – ein gezielter Angriff der Taylor-Rebellen. Der Sender ist seitdem im Gebäude der ersten Nuntiatur untergebracht, wo auch die katholische Druckerei für alle drei Diözesen arbeitet. Immer wieder versucht die Regierung, den „Sender der Wahrheit“ zum Schweigen zu bringen - im März 2000 beispielsweise, als Taylor Radio Veritas schließen ließ. Außenpolitischer Druck führte dazu, dass die Rundfunkstation nach einer Woche wieder ihre Arbeit aufnehmen konnte. Zuletzt wurde im Juli 2001 seine Schließung gerichtlich verhindert. Die juristischen Auseinandersetzungen mit der Regierung im selben Jahr um das gesetzlich zugesicherte Recht auf die Ausstrahlung des Programms über Kurzwelle (zusätzlich zu UKW) wurden zugunsten der katholischen Kirche entschieden.   

Der Anstrengungen der Kirche in Liberia für eine Zukunft des Volkes in Frieden und Versöhnung geht weiter. „We shall overcome“ ist das Lied, das Erzbischof Michael Francis am Anfang jeder Versammlung strahlend anstimmt – und alle singen kräftig in der Zuversicht mit „We shall live in Peace!“ 




Die "Frankfurter Rundschau" veröffentlichte diesen aktuellen Lagebericht von Hans-Peter Hecking (Kontakt), Leiter des missio Afrika-Referates. Der vollständige Text ist auch in "KM Forum Weltkirche" erschienen.