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»Da werden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern schmieden und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.« (Jesaja 2; Micha 4)
Schwerter zu Pflugscharen - die Friedensversion der Propheten Jesaja und Micha war in der Geschichte oft eine tiefe biblische Motivation für Friedensarbeit. Jesaja lebte in einer sehr friedlosen Zeit, die von der wachsenden Bedrohung Israels und Judas durch die Assyrer geprägt war. Ein Krieg folgte dem anderen. Doch seine Vision ist nicht die von einer Rückkehr der guten alten - angeblich besseren - Zeiten. Der Prophet hat eine Vision von einer ganz anderen Welt. Es geht ihm um die endgültige Aufrichtung des Rechts und die Beendigung aller Kriege unter allen Völkern. Visionen haben bei uns in diesen Jahren nicht unbedingt Konjunktur. Die Politik des »Machbaren« scheint am Zug zu sein. Visionen sind aber alles andere als überflüssig. Sie sind notwendig, um immer wieder zu spüren, was in unserer Welt nicht richtig und nicht gerecht ist. Zu spüren auch, dass wir manches aus eigenem Vermögen allein gar nicht ändern können. Sie sind - biblisch gelesen - Gottes Einladung, uns von der Dynamik des Reiches Gottes tragen zu lassen. Sie sind und bleiben damit auch eine Kraftquelle zur Veränderung dessen, was verändert werden muss. Heute erhält die Vision des Propheten Jesaja an der Westküste Afrikas eine neue Bedeutung. In Liberia, dem kleinen vom Bürgerkrieg zerrütteten Land im Südwesten Westafrikas. Der bis 2003 andauernde Krieg hat das Leben vieler Familien zerstört, Tausende wurden brutal hingemetzelt, Kindersoldaten zogen mordend und plündernd durchs Land. Inzwischen haben die meisten von ihnen die Waffen abgegeben und sind in ihre Dörfer zurückgekehrt. Doch was für eine Zukunft haben diese Kinder? Mit Alkohol, Drogen und Gewalt gefügig gemachte Kampfmaschinen, von denen viele nichts anderes gelernt haben als sich im Krieg zu behaupten. »Man zieht nicht mehr das Schwert und übt nicht mehr für den Krieg«, heißt es in der Friedensvision des Jesaja oder, wie Luther übersetzt hat: »Sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.« Jesaja spricht nicht einfach nur davon, die Waffen zu zerstören und einzuschmelzen. Sein Blick geht tiefer. Die Verwandlung von Kriegsgerät in Acker- und Erntegerät zeigt einen Richtungswechsel an, einen völlig anderen Welt- und Lebensentwurf. Menschen werden sich neu orientieren in ihrem Denken und in dem, was sie lernen. Sie werden den Krieg verlernen. Schwerter zu Pflugscharen, Lanzen zu Winzermessern - das bedeutet, aus Soldaten und Söldnern werden Bauern und Winzer, aus Menschen, deren Tagesgeschäft das Töten war, werden Menschen, die sich sorgen, dass das Leben wächst und gedeiht. Das Schicksal der jugendlichen Kriegsveteranen in Liberia gibt dem Propheten Recht. Für alle, welche die Erinnerung an erlittene und verübte Grausamkeiten zu Außenseitern in einer Gesellschaft macht, die mit dem aggressiven und kriegerischen Verhalten dieser traumatisierten Kinder nicht zurecht kommt, ist es nicht damit getan, die Waffen zu verschrotten. Wie aber, um im Bild des Propheten zu bleiben, lassen sich die Schwerter der Unversöhntheit, der Isolation und der Angst in Pflugscharen der Heilung und Versöhnung verwandeln? Für Jesaja liegt die Antwort im Glauben an die göttliche Weisung, neue Wege zu gehen. Ein eindringliches Sinnbild für die verwandelnde Kraft eines Paradigmenwechsels aus dem Glauben kommt aus Liberia: Es ist ein kleines Metallkreuz, gefertigt aus einer abgeschossenen Patronenhülse. Rohes Metall, geschnitten und aufgebogen, die scharfen Kanten notdürftig gefeilt. Am unteren Ende des Kreuzes ist als Zeichen der Zerstörung und des Todes noch die Patronenhülse zu erkennen. Relikt eines grausamen Krieges, das in Liberia noch zu Hunderttausenden zu finden ist. Aus dem oberen Teil der Hülse entstand ein Kreuz, das christliche Symbol des Lebens aus dem Tod. Als George Togba, vor dem Krieg Automechaniker in der Hauptstadt Monrovia, anfing, die leeren Patronenhülsen aufzuschneiden, war er nicht auf der Suche nach einer originellen Verkaufsidee. Auch wenn der Verkauf der Kreuze inzwischen den Lebensunterhalt vieler Familien sichert, ging es nicht darum, Munitions-Hülsen gewinnbringend zu recyceln. Der Bürgerkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen im Leben des jungen Mannes. Als seine Familie einem Überfall auf die Kirche in Monrovia zum Opfer fiel, in die sie sich zuvor geflüchtet hatte, schloss er sich als Soldat den Rebellen an. Die Kriegserlebnisse forderten ihren Tribut. Bis George Togba einen Weg fand, die furchtbaren Erinnerungen des Krieges zu verarbeiten und seine Angst und Bitterkeit zu überwinden: Nach einem Traum, so sagt er, begann er, die abgeschossenen Patronen zu Kreuzen umzuarbeiten, die heute in der ganzen Welt als Symbole des Friedens und der Versöhnung verkauft werden. Die Kreuze »kommen gut an«. Sie bringen zum Nachdenken. Ich frage mich aber, ob wir als Christinnen und Christen genügend dem nachspüren, was wir da in den Händen halten oder als kleines »Mahnmal« auf unseren Schreibtisch stellen. Das kleine Metallkreuz ist nämlich alles andere als ein unschuldiges Souvenir und Symbol für Frieden und Versöhnung. Gewiss: Aus Symbolen des Todes können Hoffnungssymbole werden. Schwerter zu Pflugscharen. Panzer zu Schrott. Und aus Schrott werden Haushaltsgeräte. Doch das Kreuz aus Liberia ist nicht nur ein Symbol für Gelingendes und Gelungenes. Es bleibt auch eine Munitions-Hülse. Ich kann das kleine Kreuz nicht betrachten, ohne daran zu denken, dass diese Patrone vielleicht getroffen, einen Menschen das Leben gekostet hat.
Diesen Gedanken müssen wir aushalten, anstatt ihn abzuschwächen, denn er führt mitten hinein in das Herz der christlichen Botschaft des Kreuzes. Das Kreuz ist kein frommes Erinnerungsstück, sondern ein Glaubenszeichen. Ein Zeichen dafür, dass das Tödliche und Absurde nicht einfach verschwindet. Aber es ist aufgehoben in einer anderen Perspektive. Und so liegen sich Patronenhülse und Kreuz näher als es auf den ersten Blick scheint. Auch das Kreuz ist ein Zeichen von brutaler Gewalt. Das Folter- und Hinrichtungsinstrument der Römer steht nach wie vor auch für Unterdrückung und Grausamkeit. Nicht wenige Kritiker des Christentums machen es verantwortlich für die blutige Geschichte des Christentums mit Kreuzzügen, Inquisition und Kriegen, die angeblich im Namen Gottes geführt wurden. Für Christinnen und Christen aber bleibt es nicht bei dieser Perspektive. Das Kreuz hält dem Menschen seine dunkle Seite wie einen Spiegel vor. Und auch dort ist Gott zu suchen und zu finden. In Jesu Ohnmacht am Kreuz, in seiner Todesangst und seinem qualvollen Sterben offenbart sich Gott als der, der durch tiefes menschliches Leiden gegangen und dem es nicht gleichgültig ist, was mit uns Menschen geschieht. Wir glauben an einen Gott, der uns nicht allein lässt, wie er auch seinen Sohn nicht allein gelassen hat. Dadurch ist die Situation unserer durch Gewalt deformierten Welt grundsätzlich verändert: Das Kreuz ist Ausdruck eines menschenfreundlichen Gottes, der uns bis in den Tod hinein liebt, der das Unrecht in dieser Welt mit der Macht der Liebe richtig stellt. Die Rede vom Kreuz sollte immer eine Rede von Leben und Hoffnung sein. Von einem Gott, der die Welt liebt. Sicher: Das Kreuz richtet unseren Blick auf das, was nicht stimmig ist in unserer gebrochenen Welt: Gewalt und Grausamkeit, alles, was Menschen einander antun können und angetan haben. Aber in den kleinen Kreuzen, die George Togba und seine Leidensgenossen in Liberia fertigen, begegnet uns Gott. Er begegnet uns in den Tätern und in den Opfern, in den Toten und in den Überlebenden. Vor allem aber in denen, die dem Leid und dem Unrecht widerstehen und sich für Frieden und Versöhnung einsetzen. Und auch in all jenen heute, die Leid auf sich zu nehmen bereit sind, weil sie sich in der Logik der Nachfolge Jesu dem Leid und Unrecht in der Welt widersetzen. P. Dr. Hermann Schalück ofm
missio Aachen, Präsident
(Quelle: Forum Weltkirche, 2-2006, S. 32f.) |
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