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Reportage


Was passiert, wenn man stirbt?" Kinder haben viele Fragen. Erst recht, wenn sie ihre Eltern durch Aids verloren haben. Schwester Silke Mallmann in KwaZulu Natal, Südafrika, ist für diese Kinder da.
 
  Ein Herz für Kinder
 
 
 

Mama wacht nicht auf ...“ Ratlos stehen die beiden Geschwister vor dem Bett ihrer Mutter. „Mama, Mama“, rufen sie immer wieder. Die Kinder fürchten, zu spät zur Schule zu kommen, wenn sie nicht aufsteht. Der kleine Bruder Thando schüttelt den Arm seiner Mutter. „Mama, wach auf. Wir wollen frühstücken!“ Der Arm der Frau fällt leblos auf das Bett. „Mama? Mama!“ Die beiden Kinder stehen wie versteinert vor dem Bett. Erschrocken schweigen sie. Dann flüstert die 13-jährige Nobuhle: „Ich glaube, Mama ... Mama ist tot.“

Die Kinder wissen nicht, was sie tun sollen. Sie haben keine Verwandten und keine Freunde in dem Armenviertel. Am Nachmittag gehen die Kinder hinter die Wellblechhütte zum Gemüsebeet. „Hier ist die Erde sehr locker, hier können wir leichter ein großes Loch graben“, sagt Nobuhle zu ihrem Bruder. Am Abend wickeln sie weinend ihre Mutter in mehrere Betttücher und schleifen den Leichnam in das Grab. Wenn Schwester Silke Mallmann diese Geschichte aus der südafrikanischen Provinz KwaZulu Natal erzählt, dann ist sie kein Einzelfall. „Hier sterben Tag für Tag 600 Menschen an Aids“, sagt die 38-jährige Deutsche. Oft bleiben die Kinder mutterseelenallein zurück. Nicht einmal Geld für die Beerdigung haben sie.

1998 kam die Mariannhiller Missionsschwester zum ersten Mal in das Epizentrum der Aidspandemie. In KwaZulu Natal an der Ostküste Südafrikas ist inzwischen jeder Fünfte infiziert. 38 Prozent der Schwangeren tragen den tödlichen Virus in ihrem Blut. „Eine ganze Generation von Kindern wächst ohne Eltern auf, in immer größerer Armut, mit hohem Risiko, selbst HIV-infiziert zu werden, und anscheinend ohne große Hoffnung auf Zukunft“, sagt Schwester Silke betroffen.

Die studierte Psychologin engagiert sich seit dem Jahr 2000 im Krankenhaus ihres Ordens im südafrikanischen Mariannhill. Zu ihrem Schwerpunkt gehört eine der wichtigen Aufgaben im Bereich von Aids, die allzu oft übersehen wird. Denn lange bevor der HI-Virus den Körper bedroht, gefährdet er den seelischen Zustand des Menschen. „Was geschieht mit meinen Kindern, wenn ich tot bin? Ich habe Angst vor dem Sterben. Gibt es einen Leben nach dem Tod?“ Diese Gedanken gehen vielen Patienten durch den Kopf. Als Beraterin und Seelsorgerin hilft Schwester Silke diesen Menschen ebenso wie den Krankenschwestern und Ärzten, die sich ausgebrannt im Kampf gegen die Pandemie fühlen. Denn wo die Medizin ohnmächtig ist und es keine Heilmittel gegen Aids gibt, sind Seelsorge und psychologische Hilfe gefordert.

Jeden zweiten Tag stirbt hier ein Kind

Die Mädchen und Jungen auf der Kinderstation des Krankenhauses Mariannhill liegen Schwester Silke besonders am Herzen. Sie begrüßt die Krankenschwestern und winkt einem Jungen zu. Obwohl der Südafrikaner die lächelnde weiße Frau noch nicht kennt, winkt er zurück. „Er sieht aus, als wäre er zwei Jahre“, sagt sie. „Nur an den Augen erkennt man, wie alt er wirklich ist: vier Jahre“, weiß Schwester Silke. Denn Aids behindert die Entwicklung und das Wachstum. Vierzig Kinder werden in dem Krankenhaus medizinisch behandelt. Das Mädchen mit den gebrochenen Beinen gehört zu den wenigen, die wieder gehen werden. Die anderen werden sterben. „Jeden zweiten Tag wird ein totes Kind aus dem Krankenhaus getragen“, sagt Schwester Silke.

Es ist Mittagszeit, und die kleinen Patienten bekommen ihr Essen. Auch die sechsjährige Thandi hat Hunger. „Soll ich dich füttern?“, fragt Schwester Silke. Thandi lächelt. Sie kann selber mit der Gabel essen, doch diese Gelegenheit lässt sie sich nicht entgehen. Die Aufmerksamkeit, die Schwester Silke ihr schenkt, lässt sie aufleben. Nach dem Essen nimmt Schwester Silke das kleine Mädchen auf den Arm, hält mit ihrer Hand sanft den Kopf des Kindes. Es legt langsam den Kopf auf die Schulter der Schwester und schmiegt sich an sie.

Dann melden sich die anderen Kinder der Station zu Wort. Auch sie wollen von Schwester Silke gefüttert werden. Als die Schwester Thandi zurück in ihr Krankenbett legt, nimmt die Kleine sofort ihren Daumen in den Mund und nuckelt. Dann hustet sie. Durch ihr geschwächtes Immunsystem leidet Thandi an einer schweren Tuberkulose. Als die Ordensfrau ihr die türkisfarbene Sauerstoffmaske aufsetzt, atmet das Kind erleichtert auf. Wenige Minuten später wird der Husten stärker. Flehend blickt das Mädchen zu Schwester Silke und deutet dann mit ihren Augen auf den Regler des Sauerstoffgeräts. „Bitte gib mir mehr Luft“, betteln ihre Blicke. Wenn Schwester Silke das nächste Mal die Kinderstation besuchen wird, liegt wahrscheinlich ein anderes Kind im Bett von Thandi.

Tatkraft gegen Ohnmacht

Wie Thandi sind eine viertel Million Kinder unter 15 Jahren in Südafrika mit dem tödlichen Virus infiziert. Die Zahl der Aids-Waisen hat sich auf 1,2 Millionen Mädchen und Jungen ausgeweitet. So viele Waisenhäuser können Hilfsorganisationen gar nicht bauen.

Dieser Ohnmacht setzen Menschen wie Schwester Silke ihre Tatkraft entgegen. Ein vorbildhaftes Modell der Selbsthilfe hat sie in Mariannhill mit aufgebaut. Als Abteilung des Krankenhauses wurde das so genannte Community Outreach Center gegründet, eine Initiative, welche jeden Einzelnen in den umliegenden Dörfern motiviert, die Menschen in Zeiten von Aids nicht im Stich zu lassen. Die ganzheitliche Hilfe umfasst neben der Hauskrankenpflege durch 370 ambulante Betreuer die Unterstützung jener Kinder, die entweder ihre erkrankten Eltern pflegen, die Waisen sind oder die selber infiziert wurden.

„Es ist bewundernswert und erschreckend zugleich, wie sehr diese Freiwilligen, die selbst oft nicht das Nötigste zum Überleben haben, ihre Zeit und Kraft einsetzen, um der Epidemie und ihren Auswirkungen entgegenzuwirken“, sagt Schwester Silke anerkennend. Zu den Freiwilligen gehört die 56-jährige Alberta Khambula, die in einer einfachen und gepflegten Steinhütte einige Autominuten vom Krankenhaus entfernt lebt. Jeden Tag finden rund ein Dutzend Kinder bei Alberta ein Zuhause. Sie betreut die Mädchen und Jungen den ganzen Tag, kocht für sie, wiegt sie in den Mittagsschlaf und hält alles picobello. Die Kinder sind begeistert von Großmutter Alberta. Sie spielen Fußball, malen mit Fingerfarben, lernen das Alphabet. Vor allen Dingen lernen sie, dass sie nicht alleine sind, auch wenn sie ein schweres Schicksal tragen. Schwester Silke betont, dass hier alle Kinder aufgenommen werden, nicht nur jene, die von Aids betroffen sind. Ihr ist dies so wichtig, weil sie verhindern will, dass „Aids-Kinder“ stigmatisiert und die Schicksale anderer Mädchen und Jungen vernachlässigt werden. Wenn sie jedoch die Lebensgeschichten der Kinder erzählt, die hier so fröhlich spielen, wird die allgegenwärtige Gefahr durch Aids sichtbar. Schwester Silke deutet auf die vierjährige Numosa, die ganz stolz einen Turm aus bunten Bauklötzen gebaut hat. Durch Aids habe sie ihre Eltern verloren und sei selber infiziert. Ohne antiretrovirale Medikamente, die den Ausbruch der Krankheit hinauszögern, hat sie noch eine Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren, befürchtet Schwester Silke. Diese Medikamente bekommen die meisten betroffenen afrikanischen Kindern aber nicht.

Ein elfjähriges Mädchen kommt ebenfalls jeden Tag bei Alberta vorbei und erhält Hilfe bei den Hausaufgaben. Vor einigen Wochen kam der Grund für die Schulprobleme der Elfjährigen ans Tageslicht. Sie war mehrmals von einem alten Mann aus der Nachbarschaft vergewaltigt worden. Ob sie dabei infiziert wurde, steht noch nicht fest. Unter den Fußball spielenden Jungs entdeckt die deutsche Missionsschwester den ebenfalls elfjährigen Sipho. „Er hat versucht, sich umzubringen. Seine Eltern sind an Aids gestorben.“ In den Tagesstätten wie auch in den Selbsthilfegruppen versucht das Team von Schwester Silke, ganzheitlich mit den Problemen der Mädchen und Jungen umzugehen. „Wir bieten den Kindern Möglichkeiten an, ihre Trauer zu verarbeiten.“ Es geht um die Auseinandersetzung der Kinder mit ihrem Schicksal. „Was passiert, wenn man stirbt? Wie ist dieser Gott, der so was zulässt? Wo ist Mama jetzt?“

So entstehen tiefgehende Gespräche zwischen Schwester Silke und den Kindern. „Viele Kinder sagen: ,Die Mama ist jetzt im Himmel. Sie ist ein Engel.‘ Wenn solche Antworten kommen, frage ich meistens, wie stellst du dir das vor? Wie geht’s der Mama jetzt?“ Für solche Gespräche sind Schwester Silke und die anderen Betreuer als Seelsorger gefragt. 2.500 Kinder werden in dem Projekt zurzeit betreut. „Wir möchten ihnen helfen, die Vergangenheit zu bewältigen, die Gegenwart zu gestalten und sie dann dazu hinführen, dass sie wieder eine Zukunft erträumen.“

Ordensfrau, Psychologin und Managerin

Hierfür kämpft Schwester Silke mit ganzer Kraft – als Ordensfrau und Seelsorgerin, als Psychologin und Managerin. Wenn sie auf Reisen ist, trägt sie Ordenstracht und ein Laptop, auf dem sie die neusten Fotos und Berichte der Projekte gespeichert hat. Ihre E-Mails ruft sie je nach Aufenthaltsort von Südafrika, Mosambik oder Europa ab. Nach Deutschland kommt sie häufiger, um zum Beispiel bei missio in Aachen die Entwicklung der Aktion Schutzengel in Südafrika zu besprechen oder Einladungen wie die von Thomas Gottschalk anzunehmen. Der Showmaster hatte die Ordensfrau zu der Spendengala „Ein Herz für Kinder“ eingeladen. Die im Rampenlicht stehende Katholikin erntete viel Applaus vom Publikum und ein großes Lob von einem Popstar: Elton John, der Schwester Silke vor einigen Jahren in Südafrika traf, sagte dem Millionenpublikum an den Fernsehschirmen: „Im Kampf gegen Aids sind die Menschen vor Ort in den Projekten die wahren Helden. Das trifft ganz besonders auf Schwester Silke zu.“

Auch der ehemalige Messdiener Thomas Gottschalk zeigte sich beeindruckt von Schwester Silke und fragte, wie sie das durch Aids ausgelöste Leid aushalte. „Wir können vielleicht nicht diese riesige Epidemie bewältigen, aber ich denke, wir können die Welt verändern, wenigstens für Einzelne“, antwortete Schwester Silke. „Ich denke, je mehr Leute kleine Welten verändern, desto mehr bauen wir mit an einer größeren Welt, vielleicht einer besseren Welt.“

Text: Jörg Nowak,
Fotos: David Sünderhauf