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  • Einleitung
  • Woraus Solidarität lebt
  • Option für den anderen – Option für Gott
  • Was wir ins Gebet nehmen
  • Ordensleben mit Zukunft!
  • Chance zum Neubeginn

     

  • Sendung aus der Sammlung: Aspekte missionarischer Spiritualität

    Vortrag von missio Präsident Pater Dr. Hermann Schalück ofm am 15. November 2003 auf dem Ordenstag in Bamberg
     

      Einleitung  
     

     
     

    Ich möchte Ihnen zunächst anhand dreier Texte aus dem Lukasevangelium drei Grundkonstanten christlicher Spiritualität aufzuzeigen versuchen, die für das Ordensleben eine besondere Bedeutung haben könnten. Es handelt sich dabei um die Parabel vom barmherzigen Samariter, vom Zusammensein Jesus mit Martha und Maria sowie von der Unterweisung der Jünger im Gebet.

    In einem kurzen abschließenden Teil möchte ich sodann zeigen, welche Akzente sich daraus für die Erneuerung des Ordenslebens bei uns vielleicht ableiten lassen.

     
       

      Woraus Solidarität lebt  
     

     
     

    Die Parabel vom guten Samariter (Lk 10,25-37) versucht, ebenso wie die unmittelbar darauf folgenden Erzählungen vom Zusammensein Jesu mit Martha und Maria (Lk 10, 38-42) und von der Unterweisung der Jünger durch Jesus im Gebet (Lk 11,1-13), menschliche „Urfragen“ – und die Antworten darauf - sozusagen „auf den Punkt zu bringen“: Es geht um die Frage nach dem „Eigentlichen“ des Glaubens und der Nachfolge: Was muß ich tun, daß mein Leben gelingt, vor allem vor Gott? Worauf kommt es im letzten an? Welche sind die unverzichtbaren Grundoptionen meines Lebens? Und: Wie können/sollen wir beten? In allen drei Texten geht es um die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gottes- und Nächstenliebe, zwischen zweckfreiem Offensein für Gott und solidarischem Tun, zwischen Gebet und Engagement, zwischen Aktion und Kontemplation, „Mystik und Politik“. Die Antworten Jesu sind plastisch, facettenreich, „narrativ“ (erzählend) und „inklusiv“, d. h. sie vermeiden den theoretischen Diskurs und darin die Gefahr der Erörterung von Alternativen, die sich ausschließen oder sich gegenseitig  auf- bzw. abwerten.

    Mit anderen Worten: Ich möchte zeigen, dass der dem Christen und der Gemeinde als ganzer in der Nachfolge aufgegebene Lebensentwurf ein einziger ist und bleibt: Die Gottesliebe ist mit der Nächstenliebe untrennbar verbunden. Und auch Aktion und Kontemplation bedingen sich gegenseitig. Beide Aspekte können und müssen deutlich voneinander unterschieden werden. Männer und Frauen haben sie in der Kirchengeschichte unterschiedlich nuanciert gelebt. Aber die beiden Seiten der einen Nachfolge dürfen nicht, wie auch geschehen, voneinander getrennt und gar gegeneinander ausgespielt werden. Wir brauchen m. E. gerade heute mehr denn je eine inkarnierte, glaubwürdige, belastbare und zukunftsfähige Spiritualität, die gerade auf dem expandierenden Markt diffuser Religiosität und in einer Gesellschaft, die angeblich auf dem „Egotrip“ ist und eine Phase der „Entsolidarisierung“ (Zulehner) durchmacht, sowohl Wege in die „Frömmigkeit“ wie in die notwendige „Solidarität“ zeigt, weltweit und ganz nah dran überall dort, wo Menschen heute verletzt werden und unter die Räuber fallen.

    Zunächst : Fast die gesamte Glaubensgeschichte ist bis in die neueste Zeit in Anlehnung an platonische und neuplatonische Einflüsse, welche die „Schau der höchsten Wahrheit“ als die im letzten erstrebenswerte Grundhaltung im Leben ansahen, von einem prinzipiellen Vorrang der Kontemplation vor der Aktion ausgegangen. Arbeit, Engagement, die tägliche Mühsal für den anderen/die andere, für die Verwundeten am Straßenrand und die Opfer von Kriegen und sündhaften Strukturen weltweit, das alles findet, um es in heutiger Sprache zu sagen, dann alles keinen richtigen „Ort“, ja, es muß seltsamerweise sogar noch „gerechtfertigt“ werden. So finden wir z. B. bei Augustinus einen spekulativen Gedankengang, der uns nahebringen will, daß das tätige Leben, seine Plackereien, Schmerzen, Tränen, aber auch Freuden, als vorbereitende Buße und notwendiger Durchgang für die „eigentliche“ Gottesbegegnung zu interpretieren sind. So schreibt z. B. dieser große Kirchenlehrer zur Exegese von Phil 1,23ff („bei Christus zu sein ist das Bessere, aber im Fleisch zu sein ist notwendig“), alle Beschäftigung und alle Arbeit geschehe aus reiner „Notwendigkeit“ (ex necessitate), die Beschäftigung mit Gott aber und das Beten vollziehe sich „aus Liebe“ (ex caritate). Im Neuen Testament dagegen heißt es: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Und: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,20).

    Jede Zweiteilung des Menschen und seiner Grundvollzüge, auch des Glaubens, ist m. E. schon unter anthropologischen Gesichtspunkten nicht haltbar. Der Mensch erfährt sich in der Neuzeit sehr deutlich als „Erschaffer“, als homo faber. Er kann und wird sich dieses Vermögen, das bei aller Ambivalenz und Offenheit auch zur Destruktion hin doch zugleich immer als eine Quelle von Erfüllung, Kreativität, ja Glück und „Segen“ erfahren wird, nicht mehr nehmen oder schlechtreden lassen, gerade auch von den Kirchen nicht. Das sehr ernst zu nehmen ist ein Erfordernis der „Inkulturation“ des Evangeliums in die Neuzeit. Auf der anderen Seite sind wir homo ludens (Huizinga), von Natur aus offen für Kunst, Phantasie, Spiel, Liebe, auch für Gebet und Kontemplation. Tun und Lassen, Reden und Schweigen, Aktion und Kontemplation sind für den Glaubensvollzug so wichtig wie Ausatmen und Einatmen für das menschliche Leben, wie Tag und Nacht für den Lebensrhythmus. Wer den einen Aspekt lebt, steht immer auch schon in vitaler Verbindung mit dem anderen, weil beide ein unauflösbares Ganzes bilden. So haben auch Gebet, Stille, Schweigen, Kontemplation und Feier auf der einen Seite und rastlose engagierte Solidarität auf der anderen Seite denselben Lebensgrund, weil sich Gott im „Handeln“ an Jesus Christus der Welt erschlossen und zugänglich gemacht hat (H. U. von Balthasar). Auch Jesus lebte seine Sendung aus der Sammlung, aus der persönlichen Begegnung mit dem Vater, und er kehrt immer zu dieser Begegnung zurück.

    Vor dem Hintergrund der heutigen Welt- und Geschichtserfahrung ist die eine christliche Spiritualität und Nachfolge neu zu begründen, und zwar sowohl in ihrer Ganzheitlichkeit, dann aber auch in ihren unterscheidbaren, sich gegenseitig befruchtenden Aspekten von Aktion und Kontemplation: Auf der einen Seite geht es dann um die Relevanz der christlichen Botschaft im Raum der Öffentlichkeit, des politisch-gesellschaftlichen Handelns, im notwendigen Diskurs und auch öffentlichen Streit um eine gerechtere Welt- und Wirtschaftsordnung als die, welche wir z. Z. vorfinden. Es geht darum, die Botschaft von einem weltzugewandten, freundlichen, für die Armen engagierten Gott über die Ränder der sichtbaren Kirche hinaus bis an die Grenzen der Erde zu tragen, und dabei auch mutig und kritisch Grenzbereiche des Wissens, der Forschung und der Technologie auszuloten und auszuleuchten. Weil Gott seine Schöpfung liebt und bejaht, muß sich der homo faber rastlos für alles Leben dieser Welt einsetzen. Auf der anderen Seite haben gerade die Katastrophen der Neuzeit daran erinnert, wie zerbrechlich, zwiespältig und zerstörerisch menschliches Tun sein kann, das nicht aus Tiefendimensionen, aus dem Geheimnis, aus der Anbetung dessen lebt, der das wahre Leben ist. Menschliches Handeln, das die Basis der „Humanität“ nicht verlieren will, wird nicht in innerweltlichen, reir gesellschaftlichen und politischen Zielen aufgehen: Es wird immer Ausschau halten nach und offen zu bleiben suchen für die „Mitte des Geheimnisses, aus dem wir alle leben“ (K. Rahner).

    Das freilich nicht, um sich den Gefahren, die an den Wegen der Solidarität lauern, zu entziehen, sondern, um diese, wenn auch oft selber verletzt und verwundet, zu bestehen. Vor den neuen globalen Herausforderungen, vor denen die Ordensgemeinschaften, aber auch unsere Kirchen und ihre weltweit vernetzten "Werke" der Mission, Evangelisierung, Entwicklung und Friedensarbeit stehen, werden Kontemplation und Anbetung mehr denn je absolute Notwendigkeiten. Denn weil das letzte Ziel von Welt und Geschichte auch dem engagiertesten menschlichen Handeln entzogen bleibt und im Tun nie ganz eingeholt werden kann, weil menschliches Handeln oft selber so zwiespältig und zerbrechlich ist, brauchen wir für eine dauerhafte, zukunftsfähige christliche Solidarität die Verankerung im Mysterium und die Anbetung des Geheimnisses, des Gottes, der Leben ist.

    Und weil weiter das letzte Ziel der Geschichte für uns nicht „machbar“ ist, weil es trotz aller Prognosen, Zynismen, trotz aller Skepsis und Resignation die Verheißung von etwas „Gutem“ und universal "Lebenswertem" ist, kann es als „Geheimnis“ Menschen verschiedenster Herkunft, Kultur und Religion um sich versammeln, kann ihnen Gedanken des Friedens, des Dialogs und der Solidarität eingeben. In der Anbetung des Geheimnisses liegt der tiefste Grund für gemeinsames Handeln zugunsten der Befreiung der Armen und der Bewahrung der Schöpfung. Die Anbetung läßt den anderen ohne aktive oder passive Vereinnahmung in seiner Andersartigkeit bestehen und beurteilt ihn nicht nach rein menschlichen Kriterien, weil Gott selber in allem der Richter ist (Mt 7,1). Das Nicht-bis-ins-Letzte-Wissen, das Schweigen und Anbeten sind auch deshalb dringende Notwendigkeiten, weil sie vor ideologischen Schnellschüssen und Verurteilungen bewahren und deshalb in besonderer Weise zum Respekt, zur Dialog-und Friedensfähigkeit aller beitragen können, nicht nur unter Christen.

    Mit einem Wort: Kontemplation und Solidarität sind beide dem Leben der Welt verpflichtet. Beide kommen aus einer einzigen Mitte und bleiben dieser zugeordnet. Lobpreis, Feier, Meditation, Kontemplation und Schweigen, d. h. jene Grundhaltung, die vor dem Geheimnis Gottes als dem Ziel der Welt haltmacht und es „zweckfrei“ anbetet, ist die eine Seite einer Spiritualität, welche sich radikal der Erde und den Armen verbunden weiß. Die Parabel vom barmherzigen Samariter hält unter den drei Texte, denen wir hier ein wenig folgen, schließlich aber auch kritisch die Erinnerung daran wach, daß Solidarität, weltweit oder konkret am Straßenrand, kein Privileg, derer ist, die auf Jesus schauen. Denn der Samariter, der intelligent, selbstlos und rasch „Erste Hilfe“ leistet, wäre im heutigen Europa vielleicht der „Türke“, der das tut, was Hauptamtliche der christlichen Kirchen tun müssten. Mehr als eine Kritik ist dies für mich ein Trost: Es gibt wohl Möglichkeiten des Dialogs und der konfessions- und kulturüberschreitenden Solidarität, des Gebens und Nehmens, die wir bis heute noch gar nicht ausgelotet haben.

     
       

      Option für den anderen – Option für Gott  
     

     
     

    Eine „Wende“ ist längst vollzogen: Der neuzeitliche Mensch erfährt sich keineswegs mehr als der „Schauer/Betrachter“ ewiger Wahrheiten und Schönheiten. Er möchte gestalten, mitgestalten, produzieren, konsumieren. Welt und Kosmos werden als dynamische, veränderbare, zerstörbare, jedenfalls nicht endgültige Wirklichkeiten wahrgenommen. Schöpfung und Entwicklung dauern an (T. de Chardin). Diese Wende hat auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Schauen und Tun, Kontemplation und Aktion neu gestellt. Bereits die Richtung der Frage hat sich verändert, und das dualistische Denkmodell mit seiner Tendenz zur Über– bzw. Unterbewertung zweier menschlicher „Kraftfelder“ tritt zurück, ohne freilich die Gefahr „spiritualistischer“ oder rein politisch-sozialer Lebens- und Handlungsmodelle aus unseren Kirchen verbannen zu können.

    Immerhin: Der biblische Ansatz einer ganzheitlichen Spiritualität tritt heute in den Vordergrund. Nach ihm sind Nächsten- und Gottesliebe, Gottes- und Weltdienst zwei Aspekte der einen christlichen Berufung, unterscheidbar, aber im letzten nicht voneinander zu trennen. Das will m. E. auch im letzten die Erzählung vom Zusammensein Jesu mit Martha und Maria (Lk 1, 28-35) zeigen. Aber es ist gut, sie im Zusammenhang anderer neutestamentlicher Aussagen zu lesen.

    Im Neuen Testament wird prinzipiell kein Lebensvollzug, der in der Nachfolge Jesu und unter dem Gesetz seines Geistes steht, einem anderen gegenüber auf- oder abgewertet. Es gilt vielmehr das Denk-, besser: Lebens- und Kirchenmodell der „Charismen“, d. h. der verschiedenen Geistes- und Gnadengaben, die in ihrer Unterschiedlichkeit doch gerade deshalb wesentlich an Würde gleich sind, weil alle am Aufbau des einen Leibes Christi mitwirken (1 Kor 12). Jedem/jeder einzelnen ist sein/ihr Auftrag – Lebensmodell -, spezifischer Dienst am Ganzen als unverwechselbare Identität mitgegeben (vgl. Eph 4,7), wie auch bereits die Erschaffung des einen Menschen als Mann und Frau (Gen1,11) keine Unter- und Überordnung, sondern Komplementarität, d. h. gegenseitige Ergänzungsbedürftigkeit und gleichwertige Teilhabe am einen Menschsein und seiner Gottesebenbildlichkeit bedeutet. Der eine Geist Gottes wirkt nach dem Neuen Testament „alles in allem“ (Eph, 4,6.10). Bewertungen lassen sich aus Stand, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Tätigkeit nicht ableiten. Alle werden im absolut neuen Maßstab Gottes neu bewertet. „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr seid alle ‚einer‘ in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Ja, selbst im Sklavenstand liegt in dieser Perspektive kein Grund zur Geringschätzung (1 Kor 7,17-24).

    Angesichts dieses „Perspektivenwechsels“ sind Beten und Verharren im Geheimnis Gottes in der Kontemplation „in sich“ nicht wertvoller als Arbeit, Engagement, Mühsal und alle "Samariterdienste", die ebenfalls „im Namen des Herrn“ übernommen werden. Denn nicht der wird vom Vater angenommen, der sagt: „Herr, Herr“, sondern derjenige, der „den Willen des Vaters tut“ (Mt 7,21). In der apokalyptischen Rede des Herrn (Mt 25,40) wird dies als Kriterium für die Beurteilung der Beziehung zum Herrn angegeben: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40). Der Apostel Paulus schließlich macht in seiner Lehre von den Charismen (Gnadengaben des Geistes) die Liebe zum einzigen Kriterium. Vor ihr müssen sich alle anderen Gaben, selbst die außergewöhnlichsten („ekstatischen“) Gebetsbegabungen, der Berge versetzende Glaube und selbst das Martyrium erst noch ausweisen (1 Kor 13). Auch die Johannesbriefe bezeugen nachdrücklich (vgl. z. B. 1 Joh 4,12) den unlösbaren Zusammenhang zwischen Gottes- und Nächstenliebe.

    Zurück zur Erzählung über die Begegnung Jesu mit Martha und Maria: Es gilt unter den Fachexegeten als weitgehend unbestritten, daß sich aus dieser Perikope keine Unterordnung Marthas unter Maria und damit keine Unterordnung des „Aktiven“ unter das „Kontemplative“ ableiten läßt. In der gesamten Auslegungs-und Frömmigkeitsgeschichte ist eben dies aber oft geschehen, und es haben sich, wenn auch in „komplementärer“ Gesamtschau völlig legitim, die verschiedensten Modelle, klösterliche und weltliche, „aktiver“ und „beschaulicher“ Lebensformen herausgebildet. Aber die Perikope als solche bringt nichts anderes als die eine Seite des Doppelgebotes von Lk 10,27 (= Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst) zum Ausdruck, während die unmittelbar vorhergehende, die vom barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37) die andere Seite zum Thema hat, nämlich die Nächstenliebe, die Befreiung der Armen, die Option für den anderen.

    Spricht Jesus nun aber trotz allem nicht von dem „einen Notwendigen“, dem Hören auf das Wort, der Nähe zu seiner Person? Die Worte Jesu sind eindeutig. Sie verweisen den einzelnen Christen und die einzelne Gemeinde, ja die ganze Kirche darauf, daß der Glaube und Tun vom Hören des Wortes kommen und daß wir ohne ihn und ohne die Kraft des Geistes nichts tun können. Das Wort vom „einen Notwendigen“ ist hier aber wohl situationsbezogen gesprochen: Erst als Martha sich beschwert, Maria der Faulheit bezichtigt, reagiert Jesus, verteidigt und bestätigt das Verhalten Marias und nennt ihre Wahl die bessere. Ist es aber auszuschließen, daß Jesus beide Frauen getadelt haben würde, hätten sie ihm, und sei es unter dem Vorwand, ihm „nur“ zuhören zu wollen, die Gastfreundschaft verweigert, wie es zuvor (Lk 9,52f) die Samariter getan hatten? Und ist nicht im Blick auf das ganze Neue Testament zu sagen, daß auch Gastfreundschaft, die Aufnahme Jesu und auch seiner Jünger ins eigene Haus ein Akt des Glaubens, ein Bekenntnis ist (vgl. Mt 10,40; 25,35)? Jesus „läßt beides und beide Frauen gelten, das Glaubensbekenntnis der Martha in der Tat der Gastfreundschaft und das Glaubensbekenntnis der Maria im Hören des Wortes. Diakonia und Verkündigung – beide sind wichtig. Beide gehören bis heute zu den Grundaufgaben derer, die Jesus nachfolgen. Und sie gehören zu den Grundfunktionen jeder christlichen Gemeinde: der Dienst an den anderen und der Dienst am Wort“ (Martina Blasberg-Kuhnke).

    Die Auslegung des Textes im Horizont heutiger Gesellschafts- und Kirchenerfahrung macht noch auf einen anderen wichtigen Aspekt des Textes aufmerksam, der für den zukünftigen Weg der Kirche ebenso bedeutsam sein dürfte wie die Überwindung des jahrhundertealten Dualismus zwischen Aktion und Kontemplation. Es muß der Kirche heute um ihrer „Inkulturation“ und „Inkarnation“ in unsere Welt und um der Verständlichkeit und gesellschaftlichen Relevanz ihrer Botschaft willen darum gehen müssen, nicht mehr verständliche und biblisch nicht begründbare Rollenfixierungen und Lebensmodelle, weibliche und männliche, zu überwinden und auch zu neuen Ausformungen des kirchlichen Amtes zu kommen: Martha, eine Frau, nimmt Jesus auf und bedient ihn. Aus dieser Tatsache läßt sich die Berufung der Frau ableiten, der Nachfolge ihr spezifisches Gesicht und dem Evangelium ein gastliches Zuhause zu geben. Die Erzählung will keineswegs die Frau in den Haushalt und in sogenannte „dienende“ Funktionen verweisen. Sie beruft sie vielmehr in eine besondere Nähe zum Herrn. Alle Menschen, die im Neuen Testament dem Herrn besonders nahe sind, erhalten aus dieser Beziehung Vollmachten, zur Verkündigung, zur Heilung, zur Stärkung der Brüder und Schwestern, zur Auferbauung der Gemeinde. Und auch Maria erfährt die Nähe und Bestätigung des Herrn: Ihr Verhalten ist eigentlich ganz ungewöhnlich, denn gewöhnlich lauschten nur Männer einem Rabbi . Sie nimmt sich etwas heraus, was Frauen „eigentlich“ nicht zustand. Und genau dafür wird sie von Jesus gelobt und bestätigt. So darf Maria archetypisch als die Frau gelten, die, nachdem sie aufmerksam das eine Notwendige getan, nämlich die Botschaft vom Reich Gottes aufmerksam gehört hat, nun auch hinausgehen wird, um christliche Gemeinde, Zeichen des kommenden Reiches, seines Friedens, seiner Gerechtigkeit, seiner Geschwisterlichkeit, aufbauen zu helfen.

    Mit einem Wort: In der Perikope von Jesus bei Martha und Maria lese ich für die Kirche heute die vertrauensvolle Aufforderung, aus der Option für Gott heraus mutig Fixierungen auf Rolle und Geschlecht zu überwinden und Neues zu wagen. In diesem Text liegt sehr viel Ermutigung. Nicht nur für Frauen.

     
       

      Was wir ins Gebet nehmen  
     

     
     

    Der Bericht vom Besuch Jesu bei Martha und Maria (Lk 10,38,42) endete mit der Mahnung, das „eine Notwendige“ nicht aus dem Auge zu verlieren. Wie um nun eine Erläuterung zu geben, worin dies denn bestehe, folgt die Unterweisung der Jünger im Gebet (Lk 11,1-13). Wie schon in den beiden Texten zuvor geht es um wichtige Grundelemente der Nachfolge und des Lebens einer christlichen Gemeinde: Was muß ich tun? Wer ist mein Nächster? Worauf kommt es vor Gott an? Und hier: Wie und worum sollen/dürfen wir beten? Es scheint, als steuere der gesamte bisherige Erzählverlauf bei Lukas auf diesen Höhepunkt zu. Die Antwort Jesu auf die Bitte der Jünger: „Herr, lehre uns beten.“ ist das Vaterunser. Da es das Gebet Jesu selber ist, gibt es uns Hinweise darauf, wie Christen zu allen Zeiten beten können und sollen.

    Der protestantische Exeget Joachim Jeremias hat in mühsamer Forschungsarbeit aus den beiden neutestamentlichen Vaterunser-Überlieferungen (Mt 6,9-13 und Lk 11,2-4) einen Text rekonstruiert, der mit einiger Wahrscheinlichkeit als der älteste Wortlaut des Gebets Jesu gelten kann. Es steht der kürzeren Fassung des Lukas näher als dem Text bei Matthäus:

    „Lieber Vater,
    geheiligt werde dein Name.
    Dein Reich komme.
    Unser Brot für morgen gib uns heute.
    Und vergib uns unsre Schulden,
    wie auch wir hiermit unseren Schuldnern vergeben.
    Und lass uns nicht der Versuchung anheimfallen.“

    Diese „ureigensten Worte Jesu“ (Jeremias) sind die sprachliche Gestalt seiner Lebenshaltung, seiner universalen Sendung und zugleich das Urmodell jeden christlichen Gebetes. Sie geben dem Gebet Fundament, Mitte und Horizont. Vier Grundaspekte sind dabei m. E. hervorzuheben:

    Zuerst die Intimität der persönlichen Anrede: Sie spricht für das Bewußtsein der eigenen Identität, aus der heraus in großer Vertrautheit und Vertraulichkeit die Begegnung mit dem „Du“ gesucht und gefunden wird. Jesus weiß um seine Herkunft, um das Geheimnis seines Lebens. Das wird im letzten nicht im Diskurs entfaltet, sondern in der vertrauten Zwiesprache, im Gebet. Die Sendung Jesu, sein Wirken und auch sein Fortwirken sind tief verankert im Bewußtsein seiner Sohnschaft und in der ständigen Begegnung mit dem, der ihn gesandt hat und trägt. Die direkte vertrauliche Anrede gehört wohl zur Urform des Betens der Kirche (Ich frage mich nur: Wenn Jesus uns diese „Vorgabe“ macht, warum beginnen dann so unendlich viele offizielle Gebete der römischen Liturgie mit „Allmächtiger Gott“ oder „Ewiger Gott“?)

    An zweiter Stelle kommt die Anbetung („Geheiligt werde dein Name“), gefolgt von der Bitte darum, daß Gott selber sein Wirken in die Geschichte vorantreiben und diese selber verwandeln möge („Dein Reich komme“). Das Vaterunser beginnt, wenn man so will, in seiner Anrede „subjektiv“. Aber es führt auch direkt in weite Horizonte und in die Solidarität ein: Von ihrer Gestalt her knüpfen die beiden Bitten an das aramäische Qaddiš an, d. h. an ein Preisgebet aus dem Gottesdienst der Synagoge, und rufen wie dieses die eschatologische Königsherrschaft Gottes herab. Sie sind Ausdruck von Hoffnung, von sicherer Erwartung ohne Angst, von Zuversicht ohne Grenzen. Gott selber soll das Maß des Menschen und der Geschichte bleiben. Und wenn um das Kommen des Reiches gebetet wird, dann wird zu allen Zeiten um Gerechtigkeit und Befreiung für alle Armen, um Trost für alle Ungetrösteten, um Liebe für alle Ungeliebten gebetet.

    Weiter sind die Bitten um Brot und um die Vergebung der Schuld Bestandteile des jesuanischen Urgebetes: Beide betreffen vitale Aspekte der conditio humana. Einmal geht es um die Sorge um das körperliche Leben und Wohlergehen, dann um die Ursehnsucht danach, mit sich selber und der Umwelt „versöhnt“ zu leben. Offen ist allerdings nach Jeremias, welches Brot genau gemeint ist, das einmalige/heutige, das tägliche oder das Brot für morgen. Wie seine Textfassung „Unser Brot für morgen gib uns heute“ zeigt, entscheidet er sich für den eschatologischen Aspekt. Es gehe an erster Stelle um das Lebensbrot der endgültigen Heilszeit. Die elementare Bitte um Sättigung an jedem Tag, Grundbedürfnis jeden Menschen, sei damit aber nicht aus-, sondern eingeschlossen. Und auch die Bitte um Vergebung dürfte, so Jeremias, auf die Endzeit gerichtet sein, ohne die jeweilige Jetztzeit aus dem Auge zu verlieren. Bemerkenswert ist auf jeden Fall, daß im Ur-Vaterunser die existentielle Notwendigkeit der Versöhnung und des Friedenstiftens mitgesehen wird, wenn auch wohl nicht als Vorbedingung der Vergebung der Menschen durch Gott.

    Der letzte Satz der vermutlichen Urfassung unseres Urgebetes schließlich spricht noch deutlicher eine subjektiv-menschliche Grunderfahrung an. Sie rührt an das Problem von Schwäche und Versagen. Es darf freilich beim „Laß uns nicht der Versuchung anheimfallen“ nicht daran gedacht werden, daß dabei Gott selber als Versucher gesehen wird. Dies stünde auch in direktem Widerspruch zu einer anderen neutestamentlichen Aussage, nach der Gott niemanden versucht (Jak 1,13). Gemeint ist wohl vielmehr wohl die Gefahr, daß sich ein Mensch der Botschaft endgültig verschließt. Aber warum sollte nicht wiederum, wie beim Brot, der „alltägliche“ Aspekt eingeschlossen sein, hier also das alltägliche Versagen und Zurückbleiben angesichts des Rufes in die Nachfolge?

    Das Gebet ist der Ernstfall und der Prüfstein der Nachfolge, sowohl des/der einzelnen wie der Gemeinde. Es erschließt die Kraftquelle, aus der allein ein Leben gelingen kann. Es stellt uns in das Angesicht Gottes, aus dessen Zuwendung und Handeln allein die Welt Leben und Hoffnung haben kann. Es ist das persönliche und gemeinschaftliche Einschwingen auf die Absichten, die Gott selber mit seiner Schöpfung und mit der Menschheit hat. Das Gebet Jesu macht deutlich, wie ich als einzelner, bei meinem Namen gerufen, zum Lobpreis, zum Dank, aber auch zur Bitte und Klage eingeladen bin. Persönlich finde ich es aber auch besonders hilfreich, wenn ich in Zeiten der geistlichen Trockenheit, der Mühsal, der Gefangenschaft in kleinen Horizonten mich in die communio der sichtbaren und der unsichtbaren Kirche flüchten und bergen kann. Die Solidarität mit allen Männern und Frauen, die heute Jesus nachfolgen, tut gut. Das persönliche Einstimmen in eine sichtbare Gebetsgemeinschaft oder auch in die unsichtbare Gemeinschaft aller, die vor mir Jesus nachzufolgen versucht haben, besänftigt den Kleinmut, inspiriert und weitet die Perspektive für die Not auf der Welt und das Seufzen der Schöpfung, schärft den Blick der Augen und des Herzens aber auch für die Not im eigenen Haus. Wir spüren in der heutigen Situation von Kirche und Gesellschaft sehr deutlich: Beten, Liturgie, Gottesdienst sollten nicht als Entfremdung von der uns von Gott geschenkten Wirklichkeit und Geschichte erfahren werden, sondern als Ermächtigung zum Dienst am Leben der Welt. Gottesdienst und Dienst an den Armen sind gewiß nicht dasselbe, beides gegeneinander auszuspielen wäre ebenso sinnlos, wie wenn ich Ebbe und Flut des einen Meeres wertend gegeneinander ausspielen würde. Gebet und Dienst am Leben können aber auch nicht so unverbunden nebeneinander stehen, wie es oft geschieht. Gott ist, sagt Franziskus von Assisi, „um seiner selbst willen anzubeten und zu verherrlichen“. Die Anbetung und die Bitte um das Kommen des Reiches bleiben aber, ob sichtbar oder unsichtbar, auf den Einsatz für das Leben der Welt bezogen.

    Bei einem Besuch in Vietnam äußerte ich Erstaunen und Bewunderung über die strenge und zugleich heitere Gebetskultur und Klausurpraxis der Schwestern eines Klarissenklosters. Die Äbtissin sagte nur: „Wir tun unseren Teil, damit Gott verherrlicht wird und sein Reich des wahren Friedens für alle kommt, bei uns und anderswo. Und wir nehmen euch Brüder und die ganze Kirche ins Gebet, damit alle ihrem jeweiligen Auftrag treu bleiben.“

     
       

      Ordensleben mit Zukunft!  
     

     
     

    Orden scheinen für viele bei uns nicht gerade "in" zu sein. Dennoch bin ich überzeugt: Sie haben Zukunft haben, wenn Menschen den Raum für ihre Fragen, Zweifel und Hoffnungen geben. Indem sie ihnen aber auch eine Spiritualität und Lebensform vor Augen führt, die jene Fragen radikal ernst nimmt, welche heute die Menschheit bewegen. Es geht darum, aus der Begegnung mit Gott dem "Leben der Welt" dienen. Ich möchte einige Aspekte nennen:

    Zeugen und Zeuginnen für Gott sein

    Der Jeusit S. Painadath sagt: "Unsere Leben entsteht ständig aus dem ernährenden Wurzelgrund des Vaters, besteht durch den tragenden Stamm des Sohnes und blüht im verwandelnden Strom des Geistes. Gottes Geist fliesst in und durch uns und vereint uns mit dem Vater durch den Sohn, aber auch miteinander in dem innergöttlichen Lebensfluss. Unser Leben entfaltet sich nicht vor Gott, sondern im Göttlichen." (ChiG 33/99) Wie die Reben am Weinstock" (Joh 15,5) bleiben wir in Gott verwurzelt. Wie Zweige sind wir "Erben Gottes, Miterben Christi (Röm 8,19).

    Wie Blätter und Früchte sich aus der Wurzel und durch den Stamm entfalten, so sind wir Kinder, Söhne und Töchter Gottes, weil der Geist in uns fließt (Röm 8,14-15). Wir leben aus göttlichem Grund und in einer Kraft, die nie aufhört zu strömen.

    Eine ungemein befreiende und ermutigende Erfahrung, die wir uns nie genug in Erinnerung rufen können!

    Jesus will uns ja an derselben Erfahrung teilhaben lassen, die auch sein Leben prägte: "Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir. Genau so seid ihr in mir und bin ich in euch. Wie ich ständig vom Vater Leben hole, so werdet ihr durch mich Leben empfangen. Wie ich in der Liebe des Vaters lebe, so blüht euer Leben in meine Liebe. Wie die Reben am Weinstock, so bleibt ihr in mir, und ich bleibe im Vater. Ich und der Vater sind eins. Genau so sollt ihr alle in uns eins sein und zur vollendeten Einheit kommen" (vgl. Joh 17,21-23; Joh 6,57; Joh 15,9-10).

    Die Kirche – und die geistlichen Gemeinschaften in ihr – sind berufen, ein Zeichen ("Sakrament") der Anwesenheit Gottes und der Einheit der Menschen zu sein. Inmitten aller Erfahrungen von Einsamkeit und der diffusen Suche nach Sinn und Spiritualität ist dies eine Aufgabe, besser noch: eine vorgegebene Wirklichkeit, die uns tragen kann und die wir nie vergessen dürfen.

    Instrumente des Friedens, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung sein

    Der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und den Erhalt der Schöpfung sind heute im Sinne eines Glaubens, der dem "Leben der Welt" verpflichtet ist, wesentliche Aspekte des Glaubens. Es geht um das Leben und die Zukunft der Welt, um Frieden und Gerechtigkeit. Da lassen sich Glaube und Welt, Erlösung und Befreiung, Gottesdienst und Dienst an einer menschenwürdigen Zukunft nicht voneinander trennen. Darin liegt eine besondere Herausforderung. Es gibt immer mehr Brüder und Schwestern, welche die Impulse des Evangeliums zum Friedenstiften, zum Aufbau einer friedlichen Welt in Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung aufnehmen und in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu neuen prophetischen Impulsen bereit sind. Wir brauchen nicht nur Strategien zur Veränderung der Gesellschaft. Notwendig sind Männer und Frauen, die dem/der "Anderen" gerade bei aller Verschiedenheit verbunden sind, die zuhören und das Wirken Gottes im anderen wahrnehmen können, die nicht als Herren auftreten, sondern als Diener, Brüder, Schwestern. Eine neue Weltordnung ist nicht denkbar ohne das Gespür für Solidarität, für Mitleiden, nicht ohne die Bereitschaft zum Zuhören, zum Teilen und zum Mit sein. 

    Gelübde als Einladung zur Freiheit und zum Mut

    Viele geistlich Berufene möchten tiefer in die Geschichte einzutauchen, um dort ihre "Gotteszeugenschaft" zu verankern: In neuen, kleinen, geschwisterlichen Lebensformen unter den Armen, nicht so sehr in Werken, auch nicht ausschließlich in Caritas und Diakonie, sondern mit einem neuen Lebensstil, dem Stil einer Kirche von Schwestern und Brüdern unter dem einen Herrn, dem Stil von Gebet und Kontemplation mitten in der Welt und in einer Sprache, die die Armen verstehen können. Und das in einer Lebenskultur der Genügsamkeit, der Zweckfreiheit ohne Nebenabsichten, der evangelischen Freiheit und Armut, der Herrschaftsfreiheit und der absoluten Gewaltlosigkeit. Sicher: Diese Werte widersprechen der gängigen "Kultur" unserer westlichen Gesellschaft. Sich konsequent und ein Leben lang zu ihnen zu bekennen, nach dem Vorbild Jesu, das bedeutet wirklich, mehr "unten" zu sein als "oben". In der tiefen Überzeugung, daß am Ende die Hoffnung siegen und die ganze Welt Leben in Fülle haben wird.

    Ich bin tief davon überzeugt, daß es gelingen kann, die Gelübde als befreiende Grundhaltungen in unsere moderne und postmoderne Kultur einzubringen vermögen. Sie haben einerseits mit "Inkulturation" zu tun, mit dem Willen zur Solidarität mit der Welt und der Schöpfung, so wie sie ist, zugleich aber mit dem Mut, "Gegenkultur" zu sein. Ein erneuertes Ordensleben muß die evangelischen Räte so zu deuten und zu leben versuchen, daß sie mitten in der Konsum- und Erlebnisgesellschaft als Möglichkeit zu einem befreiten und reifen Menschsein und als Dienst am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit erkennbar sind. Nicht in erster Linie als Verzicht und Weltflucht, sondern als Möglichkeit zur Freiheit und zur Weltgestaltung aus dem Glauben. Als Ermutigung, etwas zu wagen, vor allem für die Armen, für den Frieden, für Dialog und Gewaltfreiheit, und nicht in erster Linie oder ausschließlich als Verpflichtung, etwas zu meiden. Die Gelübde können   zu Zeichen der Solidarität mit den Opfern der Geschichte und der Gesellschaft werden, zu einem Segen für die, welche arm sind an Leben und Hoffnung. Einladung zu tiefer Solidarität mit den Unterdrückten, Behinderten, Ausgestoßenen, Ungeliebten. Ich glaube daran, daß ein solches Engagement immer Menschen anziehen wird.

     
       

      Chance zum Neubeginn  
     

     
     

    Die gegenwärtige Krise ist Chance zu einem Neubeginn. Ich glaube daran, daß der Geist Gottes an dieser Zeitenwende, die schmerzvoll ist, unter uns neue "Gnadengaben" (Charismen) erwecken wird. Es besteht die einmalige Chance, den prophetischen und missionarischen Grundauftrag der Orden wieder zu entdecken und wieder in Kirche und Gesellschaft einzubringen. Es geht nicht mehr um die Flucht aus der Welt, sondern den liebevollen und solidarischen Blick auf die Welt, auf ihre Hoffnungen und Ängste und Bedrohungen. Den Weg zu und mit den Menschen. Den Weg zu und mit den Armen und Schwachen. Den Mut, bestehende Denkweisen, Werke und Strukturen in Kirche und Orden radikal zu überdenken, weil es nicht immer sicher ist, ob sie noch dem Anspruch des Evangeliums entsprechen. Eine geschwisterliche Präsenz unter den Armen, in Hinhören und Dialog, als Zeichen und Werkzeuge des Friedens in einer friedlosen, gewalttätigen, strukturell ungerechten Welt sowie in einer ausgebeuteten und ihrer Würde beraubten Umwelt und Schöpfung. Es wird eine der größten Herausforderungen des neuen Jahrtausend an uns sein, Kontemplation und Prophetie in großer Einheit und in polarer Spannung zu leben.

    Es gibt in den jungen Kirchen, aber auch bei uns schon zahlreiche ermutigende Ansätze, die deutlich machen: Die Orden und anderen geistlichen Gemeinschaften können und werden die gegenwärtige Krise überwinden. Sie werden ihren Platz haben "mitten im Gottesvolk", mit gleicher Würde und Kompetenz für Kleriker und Laien, Männer und Frauen. Die Gewissheit liegt nicht in unserem Vermögen, sondern im Wort des Herrn, das die gesamte Kirche Jesu zu einer missionarischen Kirche macht: „Ich bin bei Euch bis an das Ende der Welt“ (Mt 28,20).

    Hermann Schalück ofm

     
       
     
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    Pater Dr. Hermann Schalück ofm
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