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"Lernbereitschaft in Bescheidenheit"

Ein Gespräch mit missio-Präsident Hermann Schalück
 

  Seit einigen Jahren ist in der Kirche auch in Deutschland viel von ihrer missionarischen Dimension die Rede. Was wäre für einen neuen missionarischen Aufbruch aus Missionsgeschichte und heutiger Missionspraxis zu lernen, wie sähe eine missionarische Kirche aus?  
 

Darüber sprach die Herder Korrespondenz mit dem P. Dr. Hermann Schalück ofm, Präsident von missio Aachen.
Die Fragen stellte Alexander Foitzik.

 
 

Herder-Korrespondenz: Pater Schalück, konfessionsübergreifend bemühen sich die Kirchen um die Wiederentdeckung ihrer missionarischen Dimension. Auch wenn die zahlreichen Missionsappelle an der kirchlichen Basis nicht so recht zu zünden scheinen – ein historisch belasteter und eher tabuisierter Negativbegriff ist Mission offenkundig nicht mehr. Als Präsident eines internationalen katholischen Missionswerks freuen Sie sich sicher über diesen missionarischen Aufbruch ...

P. Schalück (r.):  Gewiss. Aber wie viele andere fragen wir uns zunächst, was mit der Behauptung eines missionarischen Aufbruchs bei uns und auch in der evangelischen Kirche gemeint ist und was nicht. Ich sehe da einen hohen Klärungsbedarf, viele Unschärfen und Mehrdeutigkeiten. Ähnlich ging es mir, als vor zwanzig Jahren Johannes Paul II. den Begriff der Neuevangelisierung für Europa prägte. Unklar bleibt, ob es um Repristination einer auch in der Geschichte überholten sozialen Gestalt von Kirche, um Bestandssicherung geht, ob Nostalgie im Spiel ist. Es muss doch auf jeden Fall darum gehen, dass biblisch gesprochen neuer Wein in neue Schläuche fließen will, dass in bestimmten Situationen und Epochen das Evangelium Jesu sich je neu inkarniert und die Kirche im Heiligen Geist je neu zu gestalten ist. Dabei gefällt mir das Bild, das die Bischofskonferenz über ihren Arbeitstext „Zeit zur Aussaat“ aus dem Jahr 2000 gestellt hat: Dieses Wort ist biblisch, dynamisch, nicht nostalgisch. Die Saat braucht Zeit zum Wachsen. Der Geist Gottes ist der beste Missionar.

Was wäre für einen neuen missionarischen Aufbruch in Europa aus der Missionsgeschichte, aus der heutigen missionarischen Praxis, von der Missionstheologie, aber etwa auch aus der konkreten Arbeit von missio zu lernen? Wie funktioniert heute Mission?

Mission, Neuevangelisierung, Weitergabe des Glaubens geschieht nie im geschichtslosen und luftleeren Raum. Und Mission geschieht heute nicht mehr auf ein bestimmtes Territorium bezogen; wir sprechen nicht mehr von „Missionsgebieten“. Mission, Glaubensweitergabe ist vielmehr personenbezogen, Ansprache an ein Du, Angebot und Einforderung von Wahrheit in Freiheit und von Freiheit in Wahrhaftigkeit und Wahrheit. Mission geschieht heute im Kontext des neuzeitlichen Freiheitsverständnisses, der pluralen Angebote zu autonomer Lebensgestaltung, auch im Kontext einer ungerechten, von Gewalt geprägten und deshalb friedlosen Welt. Das Evangelium ist Aufforderung und Einladung zu einer in Freiheit autonomen Lebensgestaltung, zur sozialen Mitverantwortung, zur Suche nach verbindlicher Wahrheit. Mission heute hat die Lebenswirklichkeit der Menschen unter den Bedingungen der von der Aufklärung geprägten Neuzeit wahrzunehmen, so wie dies in der gerade veröffentlichten Enzyklika des Papstes geschieht. Mission ist somit immer dialogisch, Antwort auf eine zumindest latente Frage des Menschen. Evangelisierung und Mission müssen frei von Instrumentalisierung sein, wie wir sie in der Missionsgeschichte erlebt haben. Auch für überholte Vorstellungen von Kirche darf sie sich nicht instrumentalisieren lassen.

Welche Vorstellung, welche Vision von Kirche, von Christentum in unserer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts soll dem so vehement geforderten missionarischen Aufbruch Richtung geben? Nährt sich nicht doch der Impuls zu Mission und Neuevangelisierung vor allem aus Verlust- und Minderheitserfahrung?

Wir müssen gerade im deutschen und europäischen Bereich dringend klären, welches Bild von Kirche wir vor Augen haben, denn dieses ist ja immer auch zeitbedingt. Ist es die Mehrheitskirche, die das Christentum im Westen mehr oder minder geprägt hat? Oder ist es eine Minderheitenkirche wie in Pakistan, die in kleinen Zellen lebt, die sehr missionarisch, dynamisch sein können? Hängen Überzeugungskraft und missionarische Dynamik von der Lautstärke des Predigers oder von der Mitgliederzahl ab? Geht es nicht vielmehr darum, das Wort Jesu vom Salz und vom Licht ins Heute zu übersetzen? Wer glaubt bei uns denn schon wirklich, dass wir, wie es Paulus sagt, in der Schwäche stark sind? Der missionarische Aufbruch in Deutschland und auch anderswo ist unweigerlich mit schmerzvollen Abschieden verbunden. Die Frage der Selbstentäußerung Jesu (vgl. Phil 2) wird in einer neuen Kirchengestalt deutlicher durchscheinen müssen. Unaufgebbar für jeden missionarischen Aufbruch ist deshalb die „Option für die Armen“.


„Das vorherrschende hierarchische Modell der Verkündigung hat zur Sprachlosigkeit beigetragen“

Gibt es überhaupt schon – auf den verschiedenen Ebenen kirchlichen Lebens – Zeichen eines missionarischen Aufbruchs? Fruchten die vielen Missions-Appelle?

Es geht doch nicht zuerst um Appelle, Pastoralpläne, Leitlinien, wissenschaftliche Untersuchungen – auch wenn das alles seine Berechtigung haben mag. Es geht um einen Perspektivenwechsel. Um die Änderung im Verhalten. Weg von der Haltung der Überlegenheit von Besitzenden hin zu Lernbereitschaft in Bescheidenheit und Dialog. Verhalten ändert sich nur durch eine veränderte Wahrnehmung und durch Beziehung. Die Kirche Jesu ist bis ans Ende der Zeiten eine Lerngemeinschaft.Woran will man denn messen, dass ein missionarischer Aufbruch erfolgt? Müssen im Sinne einer 

Was aber macht dann eine missionarische Kirche aus?

Zeugniskraft, Vorbild sein, die ansteckende innere Ausstrahlung, der einladende Charakter – sei es eines Einzelnen, einer Gruppe oder einer Gemeinde. Einfache christliche Grundhaltungen werden dann sichtbar. Es sind die „Früchte des Geistes“, von denen Paulus spricht. Wir müssen vor allem wieder lernen, miteinander über den Glauben zu sprechen und uns gegenseitig darin zu stärken. Ich glaube nicht, dass das Deutschen und Westeuropäern unmöglich ist. Wir werden auch anders mit der Bibel umgehen, in einem wirklich lebensgestaltenden Sinn; so wie es viele Basisgemeinden, kleine christliche Gemeinschaften in Afrika oder Asien überzeugend praktizieren. Eine missionarische Kirche zeichnet sich darüber hinaus durch eine andere Art der Kommunikation aus als die säkulare Gesellschaft, personal gesehen wie institutionell. Partnerschaftlichkeit, Partizipation, Synodalität, Abbau von Klerikalismus, gendergerechter Umgang miteinander sind nicht irgendwelche Zugeständnisse, sondern missionarisches Zeugnis von einem Gott, der selber in seinem Wesen Kommunikation und Liebe ist.

Kann unsere Kirche, gerade was die Frage der Kommunikation und der Leitung angeht, von den jungen Kirchen in Afrikaoder Asienlernen?

Die Mitverantwortung aller für die Gemeinde und für die Glaubensweitergabe sind entscheidend. Geprägt durch unsere geschichtliche Erfahrung hängen wir bis heute in Europa und Deutschland einem „Top-Down-Modell“ in der Verkündigung an, klerikal und nicht geschlechter-gerecht. Dabei geht es keinesfalls nur um organisatorische, strukturelle Fragen, sondern um die Sichtbarmachung dessen, was die Kirche Jesu im Innersten ist: Sakrament der „caritas Dei“, sichtbares Zeichen jener Liebe, welche alle Menschen in Würde als gleich erschaffen hat, welche Menschen gerecht macht und in der Weltgesellschaft und Schöpfung der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhilft. Dafür tragen alle Getauften Verantwortung. Dieser Perspektivenwechsel ist bisher nur teilweise gelungen.

Wo liegen die besonderen Stärken nichteuropäischer Ortskirchen?

Mir scheint dort die Freude am Glauben deutlich ausgeprägter zu sein als bei uns. Die Freude, auch über den Glauben zu sprechen, eine gar nicht übertrieben exaltierte Mitteilungsfreude über das, was das Herz erfüllt. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass wir nur schwer über Religion und persönlichen Glauben ins Gespräch kommen. Ich vermute, dass das bisher vorherrschende „hierarchische“ und monologische Modell der Verkündigung zur Sprachlosigkeit beigetragen hat.Vielen unter uns scheint der Glaube doch nur ein Moralsystem zu sein und nichts, was mir innerlich Freude bereitet, mein Leben bereichert, ansteckend ist, mich erzählen lässt. Dies ist aber die Grundhaltung des Missionars, der Missionarin: Erzählen von dem, was mich erfüllt.

Wie könnten wir diese Sprachfähigkeit wiedererlangen?

Mission ist „Anstecken“, nicht Überreden. Ich meine, dass über das persönliche Zeugnis der Einzelnen und Gemeinden hinaus für den heutigen säkularen Raum eine neue religiöse Sprachfähigkeit einzuüben und zu entwickeln wäre, die fern ist von moralisierendem Räsonnieren, von Betulichkeit und frommen Banalitäten. Es geht darum, im Umfeld der Wissenschaften und der Medien und angesichts der Kontingenz der heutigen pluralen menschlichen und auch wissenschaftlichen Welterfahrung aus der Perspektive der religiösen und christlichen Erfahrungen „dialogfähig“ zu bleiben.

Würde uns der missionarische Aufbruch besser gelingen, wenn wir weltkirchlicher denken und fühlen würden?

Das kann sehr förderlich sein, weil die Begegnung mit Fremden und Fremdem, wenn sie angstfrei ist, Mauern niederreißt und Horizonte öffnet. Im Zentrum des jüngst erneuerten Leitbildes von missio steht ein Dreischritt: Lerngemeinschaft, Netzwerk missionarischer Spiritualität, Solidargemeinschaft. Am Anfang steht das Lernen, Hinhören. Zu unserer globalisierten Welt gehört doch die unerhörte Fülle der Erfahrungen in der Weltkirche. Diese kann, ja muss bereichern und befreien.

Steckt in solchen Appellen nicht doch auch eine gehörige Portion weltkirchlicher Romantik, eine romantische Verklärung der Situation der jungen Kirchen?

In manchen Appellen schon! Auch hier muss wieder gefragt werden, gibt es Vorschläge, die sich vermitteln lassen, die Verhaltensänderungen, neue Beziehungen ermöglichen. missio macht beispielsweise sehr gute Erfahrungen mit dem AsIPA-Projekt. AsIPA steht für Asiatischer Integraler Pastoraler Ansatz, das pastorale Konzept der so genannten Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Auf der Grundlage der Bibel entwickeln diese Gruppen eine intensive und tragfähige Gemeindespiritualität. Natürlich können wir diesen Ansatz in Deutschland nicht einfach kopieren. Aber einige deutsche Diözesen beteiligen sich bereits sehr engagiert und erfolgreich an dem Projekt. Es geht dabei um die tiefere Beheimatung eines nach Sinn und Gott fragenden Menschen in einem personalen Bezug. Das größere Gefüge der Kirche bleibt dabei vorgegeben. Für das Erleben, die Vermittlung des Glaubens braucht es aber vor allem die kleine Gruppe. Von diesem Ansatz her ließe sich auch bei uns die drängende Frage der Gemeindegestaltung und -leitung neu angehen, das heißt ausgehend von den Menschen und nicht von den territorialen Räumen.

Wie steht es um das weltkirchliche Bewusstsein der Katholiken in Deutschland? Wir durchleben doch gerade eine schwierige Phase mit Mitgliederrückgang, klammen Kassen, einer immer dünneren Personaldecke. Da kann einem doch mal das Hemd näher als der Rock sein.

Ich glaube, wir sollten nicht so viel von Mangel und Schwund reden – gerade auch nicht im weltkirchlichen Bereich. Natürlich lassen sich hier Umbrüche feststellen. Die Dritte-Welt-Begeisterung der sechziger Jahre ist kaum noch wahrnehmbar. Der Eigenbedarf wird stärker thematisiert. Eine Gemeinde sorgt sich zu Recht, wenn sie ihren Kindergarten nicht mehr finanzieren kann. Die weltkirchliche Offenheit in unseren Gemeinden, bei den einzelnen Katholiken und Katholikinnen ist aber unvermindert groß. Da sind sich auch die weltkirchlichen Werke mit Blick auf ihre Mitglieder, Förderer und Freundeskreise einig.


„Zeugnis geben für das johanneische Leben in Fülle“

Woran lässt sich weltkirchliches Verantwortungsgefühl überhaupt messen?

Auf jeden Fall nicht allein am Spendenaufkommen. So sind gerade in jüngerer Zeit viele neue Gruppen, individuelle Initiativen, Projektpartnerschaften in Gemeinden und Diözesen entstanden – was die Werke ja manchmal auch skeptisch verfolgen. Für einen Rückgang an weltkirchlicher Begeisterung insgesamt gibt es kaum Indizien. Verändert hat sich die Qualität: Einzelne bringen sich ein, übernehmen Mitverantwortung. Es reicht vielen nicht mehr, für missio oder Adveniat zu spenden. Das ist eine sehr positive Entwicklung, auch wenn es unseren Kollekten abträglich sein kann. Nehmen Sie nur das Beispiel der so genannten 'Missionare auf Zeit'. Diese Bewegung junger Christen und Christinnen hat eine enorme, uns alle überraschende Dynamik gewonnen. Junge Laien übernehmen Aufgaben, die ursprünglich auf Ordensleute, Kleriker, auch auf eine bestimmte Spiritualität zugeschnitten waren. Früher wären diese vielleicht einem Missionsorden beigetreten. Ich sehe in diesem – freilich zeitlich begrenzten – Engagement eine qualifizierte Öffnung für die Belange der missionarischen Kirche. Bedenken Sie auch, dass diese jungen Menschen nach ihrem Einsatz durch ihre Erfahrung die Gemeinden bei uns bereichern und mitgestalten möchten. Wir müssen noch sehr viel stärker Laien und vor allem auch Frauen an der Verantwortung für die Weitergabe des Glaubens beteiligen. Das Bewusstsein hierfür wandelt sich nur langsam, aber es muss und wird sich wandeln.

Die deutsche Kirche verfügt – historisch bedingt – über ein breites Spektrum weltkirchlicher Akteure: Werke, Organisationen, Institutionen. In jüngster Zeit gibt es immer wieder Diskussionen, ob diese Vielfalt nach außen nicht zu verwirrend, nach innen ineffizient, zu aufwändig ist. So kam es in letzter Zeit immer wieder zu Spannungen, die man auch als Konkurrenzkampf beschreiben könnte.

Diese Fülle von Werken, Initiativen, die große Zahl der missionarischen Ordensgemeinschaften, die alle ihre spezifischen Identitäten und Aufträge haben, bilden zunächst einmal einen großen Reichtum. Uns stellt sich aber eine wichtige Zukunftsaufgabe, die weniger mit Sparzwängen oder anderen äußeren Gründen zu tun hat als vielmehr mit der Glaubwürdigkeit unseres kirchlichen Auftrags: Zu Recht sind wir alle bemüht, unser Eigenprofil, auch unser geschichtliches Erbe klar zu zeigen. Zugleich dürfen wir darüber aber die gemeinsame Sendung nicht vergessen. Das ist eine Frage unserer missionarischen-kirchlichen Spiritualität. Der eine Leib hat viele Glieder. Wir erfahren uns als Diener am Ganzen und wissen doch um unsere verschiedenen Aufgaben.

Hat das Missionswerk missio durch die neuerliche Aufmerksamkeit für Mission an Image gewonnen? Hat sich durch die neuerliche Auseinandersetzung mit Mission auch die Aufgabenbeschreibung von missio verändert?

Es stimmt, unser Auftrag der Weitergabe des Glaubens an Jesus Christus ist oft auch missverstanden worden. In der so genannten 'Dekade der Entwicklungszusammenarbeit' waren wir zumindest in der Wahrnehmung mancher Zeitgenossen an den Rand gedrängt. Dabei sind wir berufen zu einem Dienst, den das Wort unserer Bischöfe „Allen Völkern sein Heil – Die Mission der Weltkirche“ aus dem Jahr 2004 als „den besten Dienst“ bezeichnet hat, den die Kirche der Welt erweisen kann. Wir selbst sind seit einigen Jahren dabei, diesen Auftrag im heutigen Kontext der globalen Welt vertieft und das heißt „ganzheitlich“ zu verstehen und zu gestalten. Wir begreifen den Dienst der Weitergabe des Glaubens gemäß unserem Leitbild und unserer theologisch reflektierten Praxis vor allem als Reden und Lebenszeugnis vom Gott des Lebens, als Zeugnis für das johanneische „Leben in Fülle“, das der ganzen Schöpfung zugesagt ist. Mission bleibt immer auf die Lebenswirklichkeit des Individuums, die Entwicklung der Einen Welt sowie die Bewahrung von Gottes Schöpfung bezogen. Daher kommt unser Dienst komplementär in Berührung mit der Frage der Sicherung und Durchsetzung der Menschenrechte, der Teilhabe aller Menschen an den Gütern der Schöpfung, an all den Aufgaben, die die Option für die Armen, der Einsatz für Gottes Gerechtigkeit uns stellt. Dieses Aufgabenprofil macht uns aber nicht – daran halten wir fest – zu einem Werk der Entwicklungszusammenarbeit, mit Methoden und Ressourcen, wie sie etwa Misereor hat.

Wie stark hat sich dabei die Arbeit von missio in den letzten Jahren verändert?

Auch für uns gilt, dass nur der sich treu bleibt, der sich zu wandeln weiß – in Treue zum Grundauftrag, von Gott zu sprechen und in dieser Verbundenheit Verantwortung für die Schöpfung, die Menschen, vor allem die Armen zu übernehmen. Wir leben in einer globalisierten, strukturell ungerechten, friedlosen Welt, die geprägt ist durch die unmittelbar für fast alle erfahrbare Pluralität von Überzeugungen, Werten, Religionen, Kulturen. Natürlich wollen und müssen wir an unseren Grundüberzeugungen unverbrüchlich festhalten. Gleichzeitig war und ist es aber notwendig, eigene theologische Deutungsmuster sowie die Praxis von Mission und Evangelisierung kritisch zu überprüfen.

Wo hat diese Prüfung konkret zu einer veränderten Praxis geführt?

Das zeigt sich sehr klar am Beispiel des interreligiösen Dialogs. Die Wertigkeit anderer Religionen, gar in Gottes Schöpfungsplan, wurde doch früher nicht gesehen. Für die missionarische Kirche und auch unser Werk ist es eine sehr anfordernde Frage, die Einzigartigkeit der Botschaft Jesu im Kontext des Pluralismus der Religionen auszusagen und zu bezeugen. Konkret manifestiert sich unser Beitrag in vielen Projekten zur Förderung des Dialogs zwischen den Religionen, in der Ausbildung und Qualifizierung von Männern und Frauen, die mit klarem christlichen Profil „Brückenbauer“ sein können, vor allem in den multi-religiösen Regionen Afrikas, Asiens und des Vorderen Orients. Wir haben es mit einem klaren und für uns verbindlichen Vermächtnis von Johannes Paul II. zu tun: Begegnung, Dialog und respektvoller Umgang miteinander ist ein Weg, wenn nicht der Weg der Mission. Es geht darin um das nicht unbedingt laute und plakative, sondern einfühlsame Einbringen der eigenen Überzeugung und Erfahrung, dass nämlich Gott die Liebe ist. „Wir verstehen unsere Arbeit komplementär zu anderen Aufgabenstellungen“

missio hat sich in den letzten Jahren unter anderem der Aids-Pastoral in Südafrika, dem sexuellen Kindesmissbrauch durch Touristen, dem Menschenrechtsschutz für die Klassenlosenin Indienangenommen. Entspricht das Ihrem genuinen Auftrag im Dienst an der Glaubensweitergabe?

So, wie wir diese Themen aufgegriffen haben, in jedem Fall; eben nicht als Themen der Entwicklungszusammenarbeit, auch wenn es da Berührungspunkte gibt. Wir verstehen unsere Arbeit komplementär zu anderen Aufgabenstellungen, etwa zur aktiven Aids-Bekämpfung vor Ort durch Bereitstellung von Medikamenten. Wir stellen uns gezielt den pastoralen Herausforderungen. Im Sinne unseres Grundauftrags widmet sich missio der Aus- und Weiterbildung der „human ressources“ – es geht dabei um die kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die mit der Verkündigung beauftragt sind, die als kirchliche Mitarbeiter im Dienst der Krankenpastoral stehen, im Dienst der Aufklärung an Jugendlichen. Frauen und Männer, die in der so genannten „home-based care“ in Namibia und anderen afrikanischen Staaten ihren Dienst an HIV-Infizierten und deren Umfeld leisten und in der Begleitung der Sterbenden und der Hinterbliebenen unschätzbare Dienste tun. Im vergangenen Jahr hat unsere Hauptaktion den Dienst der Kirche an den Opfern vielfacher Diskriminierung in der indischen Kastengesellschaft thematisiert, und zwar unter dem Motto „Die Liebe Gottes auf den Punkt bringen“ (r.). Die primäre Aufgabe unseres Werkes ist und bleibt Verkündigung, Weitergabe des Glaubens, Zeugnis für den Gott, der Leben will und Leben heilen kann. Dieses Zeugnis ist begleitet vom Dienst des „empowerment“, das heißt wir möchten Einzelne und Gemeinden in den Kirchen des Südens ermächtigen, diesen Dienst selbst zu leisten, darin zu wachsen und selbstständig zu werden.

Hat unter den weltkirchlichen Akteuren in Deutschland nicht missio das am schwierigsten abgrenzbare Aufgabengebiet? Zumal es beispielsweise auch territorial nicht so eindeutig bezogen ist wie etwa Adveniatauf Lateinamerika oder das jüngste der Werke, Renovabis, auf Mittel- und Osteuropa?

Es gibt Unschärfen zu gesellschaftlich relevanten Themen, und mangelnde Trennschärfe kann zu Reibereien führen. Positiv gesehen ist die relative Offenheit in der Aufgabendefinition ein Reichtum und eine Einladung zu sinnvollen Synergien unter den Akteuren. Wenn wir in die Entwicklung von human ressources – Priestern, Ordensleuten, Katechisten – investieren, dient das dem Aufbau und der Entwicklung von lebendigen, selbstbewussten und für die Entwicklung der Zivilgesellschaft mitverantwortlichen Ortskirchen. Man kann durchaus sagen, dass die Missionswerke und übrigens auch viele Missionsorden zahlreiche Ortskirchen begründet und gefestigt haben, die nunmehr zum Beispiel in der Erfüllung ihres Grunddienstes der Diakonie auch Partner anderer Werke sein können.

Hat sich die strikte Arbeitsteilung zwischen den Werken nicht ohnehin überlebt – mit einem „ganzheitlicheren“ Verständnis von Mission ebenso wie von kirchlich motivierter Entwicklungsarbeit?

Wir befinden uns hier mit allen Werken in einem konstruktiven Prozess der Verständigung und der verbindlichen Absprachen sowohl zu Abgrenzungen wie Synergien. Wir haben uns vorgenommen, in diesem Kontext in subsidiärer Eigenverantwortung gegenüber den Bischöfen sowohl an einer erneuerten und vertieften Vision von der „Einen Sendung“ wie auch an konkreten Wegen der Kooperation zu arbeiten. Dabei geht es um Einsparungen, aber vor allem auch um die gemeinsame Profilbildung und Qualitätssicherung gegenüber den säkularen Akteuren, die verstärkt in das kirchliche Umfeld einzudringen versuchen. In einem ähnlichen Prozess befinden wir uns im Übrigen schon seit 2005 mit missio München: Wir haben bereits die Vision von einem einzigen „missio-Werk“ entwickelt, das in zwei selbstständigen Häusern lebt. Diese Vision wollen wir bis 2008 umsetzen. Dabei können nicht nur regionale Stärken weiter genutzt und Synergien und Sparmaßnahmen erzielt werden. Wir sind überzeugt, dass wir auch stärker und zukunftsfähiger werden können, nicht zuletzt in der Kraft des missionarischen Zeugnisses sowohl gegenüber unseren Partnern wie auch in den Gemeinden bei uns. 


„Jedes Werk wird seinen Auftrag klar formulieren und behalten müssen“

Soll die Kirche in Deutschland an dieser historisch gewachsenen Vielfalt der Werke überhaupt festhalten?

Natürlich! Hier sind sich alle Werke einig. Es geht darum, einen gemeinsamen Auftrag und Dienst noch stärker und sichtbarer zu machen, uns unserer gemeinsamen Sendung noch bewusster zu werden. Aber dabei wird jedes Werk seinen Auftrag klar formulieren und behalten müssen. Wir verstehen uns zudem nicht als selbsternannte Akteure, sondern als von der Welt- und Ortskirche offiziell beauftragte und kompetente Dienstleister für unsere Ortskirche und deren Gemeinden. Von ihnen lassen wir unsere Dienste gern einfordern. Die Diözesen und vielleicht auch zunehmend die Orden sollten unsere Ressourcen nutzen. Die Instrumente missionarischer und weltkirchlicher Arbeit müssen doch nicht ständig neu erfunden oder multipliziert werden. Man kann und darf uns vertrauen: Wir sind zu alten und neuen Formen der Zusammenarbeit und der Synergien bereit und in der Lage, in subsidiär verstandener Autonomie sowie in Kooperation mit, nicht in Konkurrenz zu Diözesen und Gemeinden. Die Vielfalt der Werke in Deutschland ist nicht nur einfach historisch gewachsen, sondern zugleich institutioneller Ausdruck der der Kirche anvertrauten universalen Sendung Jesu Christi.

So etwas wie ein Superhilfswerk könnte diesem Anspruch nicht gerecht werden?

Sicher nicht! Und eine Kirche, die in Strukturreformen und bürokratisierendem Regulierungseifer zu sehr mit sich selbst beschäftigt wäre, könnte kaum missionarisch sein oder werden. Denn: Mission, das heißt die Weitergabe von der Schönheit und Wahrheit der Botschaft von Jesus Christus und der Freiheit, zu der er uns befreit hat, hat ihre eigene Gesetzlichkeit und Dynamik in jenem Heiligen Geist, der Mauern niederreißt und Leben schafft.

Mit freundlicher Genehmigung des Herder-Verlags.
[ Quelle: Herder-Korrespondenz, März 2006, S. 123 ff. ] 

 
   
 
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