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Mit fragenden Augen und schüchternem Lächeln steht der elfjährige Nkosi Johnson am Mikrofon der internationalen AIDS-Konferenz im südafrikanischen Durban. In seinem großen Anzug wirkt er unbeholfen. Die Mikrophone und Kameras sind auf ihn gerichtet. Er atmet tief durch. Und dann trägt er vor der Versammlung von Politikern und Wissenschaftlern aus aller Welt eine Erklärung und eine Bitte vor: „Sorgt für uns. Akzeptiert uns. Wir sind Menschen wie Ihr. Wir haben Hände. Wir haben Füße. Wir können laufen und sprechen. Wir haben Wünsche und Bedürfnisse wie alle anderen. Habt keine Angst vor uns. Gebt uns Hoffnung.“ Betroffenheit breitet sich im Saal aus. Denn alle wissen: Nkosi Johnson hat AIDS. Er wird nicht mehr lange leben. Der Junge stirbt ein halbes Jahr später. Als Opfer der Infektion, die inzwischen im Südlichen Afrika fast jeden dritten Menschen befallen hat und nicht mehr loslassen wird. Die Krankheit schleust sich ein in das Immunsystem von Männern, Frauen und Kindern. Ungeborenen Kindern wird er schon im Mutterleib übertragen. Die vom Aids-Virus Infizierten sind in der Folge für zahlreiche andere Krankheiten anfällig, insbesondere für Malaria, Tuberkulose, Lungenentzündung. Ausgemergelt und oft allein gelassen steht ihnen ein langsamer, qualvoller und oft sehr einsamer Tod bevor. In keiner Region der Welt wütet der AIDS-Virus so wie im Südlichen Afrika. Die Folgen sind verheerend: für die Familien, für die Volkswirtschaften, aber auch für die Kirchen und Gemeinden. Wenn Generationen von Müttern und Vätern sterben, dann stellen sich beklemmende Fragen: Wer nimmt sich der Kinder an? Wer wird sie zur Schule schicken? Wie können sie ihr Leben gestalten? Wer gibt ihnen Zukunft? Auch für unsere Kirche stellen sich beunruhigende Fragen: Wie können Diözesen, Gemeinden und Ordensgemeinschaften ihren Dienst der Verkündigung und Diakonie verrichten, wenn das Leben und die Zukunft so vieler bedroht ist? Wie vom Gott des Lebens sprechen, wenn die Erfahrung von Armut, Tod und Einsamkeit auch das Leben der Gemeinden so stark bestimmt? Am heutigen Weltmissionssonntag hören wir die Bitte dieser Kirchen und Gemeinden: Gebt uns Hoffnung. Das Südliche Afrika ist weit. Doch Solidarität kennt keine Grenzen. Was das bedeutet können wir bei Jesus in seinem Evangelium lernen: Die Armen, Kranken, durch soziale Barrieren und Vorurteile aller Art Ausgeschlossene, Blinde, Lahme und Aussätzige, werden von Jesus persönlich beim Namen gerufen, in die Mitte der teilnehmenden Aufmerksamkeit und der menschlichen Gemeinschaft gestellt (vgl. Mk 3,3; 9,36; Lk 5,16; Joh 8,3). Jesus lässt solche Menschen „an sich heran“. Er spricht ohne Angst mit ihnen, lässt sich sogar von ihnen berühren. Er schenkt ihnen die Erfahrung, dass sie geliebt sind. Dass Liebe heilen kann. Das "Evangelium vom Leben", des einzelnen wie der ganzen Welt und Schöpfung, gehört ins Zentrum unseres Glaubens. Jesus ist gekommen, um allen "Leben in Fülle" (Joh 10,10) zu bringen. Er heilt die Kranken, holt schuldlos Ausgeschlossene zurück, vergibt den Sündern. Denn Gott ist und bleibt ein Gott des Lebens, ein Anwalt des Lebens. Er hat seinen Sohn nicht in diese Welt gesandt, um diese Welt zu richten, sondern um sie zu retten und zu heilen (Joh 3,17). Der Dienst der Fußwaschung, der Heilung und Befreiung der Armen ist untrennbar im Geheimnis seines eigenen Lebens und Sterbens sowie im Geheimnis der Eucharistie verankert und damit in die Kirche selber eingestiftet: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit ihr tut, wie ich an euch getan habe“ (Joh 13,15). „Gebt uns Hoffnung“: Unsere Kirche und unsere Gemeinden sind eingeladen, in Wort und Tat vom Gott des Lebens, der Liebe und der Solidarität zu sprechen. Die Kirche Jesu Christi soll das Sakrament, d. h. Zeichen und wirksames Instrument des Heiles für die Welt und die Schöpfung sein. Es geht darum, sichtbar zu machen, dass die Liebe Gottes und die Gegenwart seines Geistes umwandelnde Kraft hat über den Raum der Kirche hinaus: Barrieren zwischen Arm und Reich sollen aufhören zu existieren; denen durch Krankheit und Armut Ausgeschlossenen wird eine neue Heimat aufgezeigt und ermöglicht; Menschen können durch Jesu Beispiel und den prophetischen Dienst seiner Gemeinde lernen, unabhängig von Rasse, Geschlecht und Kultur gewaltfrei und solidarisch untereinander umzugehen. Den Aids-Kranken und all denen beizustehen, die sich für sie einsetzen, ist Aufgabe einer missionarischen Kirche. Ja, es ist im besten Sinne des Wortes Mission, nämlich Weitergabe des Glaubens an den Gott, der in sich, aber auch im Blick auf die Welt und zu den Menschen Leben, Beziehung, Liebe ist. Johannes Paul II selber sagt: „Es ist Teil der Missionsaufgabe und der prophetischen Rolle der Kirche, alles anzuprangern und zu bekämpfen, was Menschen erniedrigt und zerstört, was böse und ungerecht ist ... Die Kirche muss an der Seite der Menschen stehen, die unterdrückt und ausgestoßen sind und eine Stimme sein für die, die keine Stimme haben“ (Apostolisches Schreiben „Ecclesia in Africa“ 106/7). Die Situation im Südlichen Afrika ist dramatisch. Was uns als Mitglieder unserer Kirche dennoch ein wenig stolz machen darf: Gerade sie ist nicht selten die einzige Instanz, die schon jetzt wirksam gegen AIDS ankämpft und damit vielen Hoffnung gibt. Ordensschwestern und -brüder, Priester und engagierte Laien sind in der Aufklärung, in der Vorsorge und in der Therapie tätig. Und sie nehmen sich der AIDS-Waisen an und begleiten die Sterbenden. Ein Beispiel für das, was von hier aus geschehen kann: Mit Hilfe aus Deutschland, die über missio vermittelt wurde, entstand in Sinzanani, einer südafrikanischen Kleinstadt, ein Ausbildungszentrum, in dem junge Männer und Frauen zu Pflegekräften ausgebildet werden, die die Kranken in ihrer häuslichen Umgebung besuchen, pflegen, trösten, im Sterben nicht allein lassen. Sie handeln nach dem Beispiel Jesus. Sie beherzigen ein anderes Wort des Papstes: „Ich ersuche alle in der Seelsorge tätigen Personen, den von AIDS befallenen Schwestern und Brüdern jede nur denkbare materielle Unterstützung und jeden moralischen und geistlichen Trost zukommen zu lassen“ (ebda). Die von AIDS betroffenen Menschen aus dem Südlichen Afrika rufen uns heute zu: „Gebt uns Hoffnung“. Männer, Frauen, Bischöfe, Ordensgemeinschaften und Gemeinden, die ihnen schon jetzt beistehen, können diesen Dienst nicht alleine tun. Auch sie sagen uns: „Gebt uns Hoffnung“. Eine Ordensfrau, Sr. Dorothy, teilte neulich aber auch mit, wie sie in ihrem Dienst selber manchmal Hoffnungszeichen sieht: Da hatte nämlich Marcus, der im Alter von 33 mit Aids im Sterben lag, sie gebeten, auf seine Todesanzeige zu schreiben: „Eines Tages begegnete ich dem AIDS-Virus. Ich erschrak. Dann entdeckte ich, dass Gott mich anschaute“. „Erlöse uns von dem Bösen“. So beten wir heute mit den Jüngern Jesu und mit zahllosen AIDS-Opfern in aller Welt. Wir stellen uns wie Jesus auf die Seite der Opfer und der Schwachen. Zugleich müssen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass das Evangelium Jesu vom Leben immer mehr der Welt bekannt gemacht wird und dass immer mehr Menschen in ihrem Leben, aber auch in Krankheit und selbst im Tod erfahren, dass unser Gott ein Gott der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens ist. Aachen/München, 20. März 2002 P. Dr. Hermann Schalück ofm
Prälat Dr. Konrad Lachenmayr |
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