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Mein Name ist Daniel Comboni (r.). Geboren wurde ich 1831 in Limone am Gardasee, als viertes von acht Kindern. Wir waren arm. Aber meine Eltern und meine Familie haben mir unendlich viel geschenkt. Vor allem den Glauben an einen Gott, der alle Menschen gleichermaßen liebt. Weiter den Glauben an mich selber und an meine missionarische Berufung. Und schließlich die Vision von Gottes Reich von jenem Frieden und von jener Gerechtigkeit, die keineswegs ein vages Versprechen für eine ferne Zukunft sind, sondern sich immer schon dann einen Weg bahnen, wenn Menschen Jesus nachfolgen. Ich spürte in mir den Ruf zum Priestertum und als Missionar für das Kommen des Reiches Gottes in Afrika zu wirken. Meine Mutter sandte mich 1857 nach Afrika aus. Sie sagte: "Geh Daniel, Gott segne Dich." Unter schwierigsten Bedingungen arbeitete ich zunächst in Khartoum, im heutigen Sudan. Von Anfang an war ich tief davon überzeugt, dass der afrikanische Kontinent nicht unser Mitleid braucht, sondern vor allem Wertschätzung und Gerechtigkeit. Ich wusste: Eines Tages werden Afrikanerinnen und Afrikaner selber das Evangelium in Afrika verkünden und ihrer Kirche ein afrikanisches Gesicht geben. "Afrika durch Afrika retten", das war fortan meine Vision. Ich gründete eine Missionsgesellschaft für Männer und eine für Frauen. Ich kämpfte gegen den Sklavenhandel und für die Menschenwürde. Oftmals reiste ich zwischen Afrika und Europa hin und her, um die Gewissen der Menschen wachzurufen und um Brücken der Solidarität zu bauen. Ich kam dabei sogar bis nach Fulda, Mainz, Paderborn und ins rheinische Köln. Im Jahre 1878 wurde ich Bischof von Zentralafrika. Meine Kräfte waren aber bald aufgebraucht. Ich starb am 10. Oktober 1881, gerade erst 50 Jahre alt.
Meine Sendung hatte ich nicht aus mir selber. Die Grundlage und Triebkraft meines Lebens war das Wort Jesu, dass das Reich Gottes nahe gekommen ist und dass einfache Menschen wie Simon, Andreas, Jakobus und Johannes berufen werden, sich von dieser Vision einer gerechteren und deshalb friedlicheren Welt leiten und tragen zu lassen. Warum dann nicht auch ich? In diese Bewegung wollte ich eintreten, in ihr wollte ich meinen Lebensplan verwirklichen. Ich bin dankbar dafür, dass die Kirche in Afrika inzwischen so sehr gewachsen ist, innerlich und äußerlich. Ich bin auch dankbar und ein wenig beschämt, dass ich im Jahre 2003 zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Aber manchmal weiß ich nicht, ob ich viel erreicht habe. Zu wenig ist, so scheint es jedenfalls, vom Reich Gottes in Afrika Wirklichkeit geworden. Zu groß sind Armut, Friedlosigkeit, Gewaltbereitschaft, zu stark ist immer noch die Abhängigkeiten vom reicheren "Norden". Deshalb richte ich heute erneut meinen Blick auf unseren Herrn und Bruder Jesus und seine Botschaft, die für unsere heutige globalisierte Welt noch eingelöst werden muss. Seine ersten Worte im Evangelium nach Markus sind: "Die Zeit ist erfüllt". Dies will doch heißen: Die Zeit drängt. Es ist Zeit, höchste Zeit. Es ist einfach keine Zeit mehr zu verlieren. Konzentriert euch auf das, worauf es allein ankommt. Und es kommt darauf an, - so sagt es das heutige Sonntagsevangelium knapp und unmissverständlich – alles liegen und stehen zu lassen, um sich "in Gottes Namen" in den Dienst des Reiches Gottes von der Gerechtigkeit und vom Frieden zu stellen. Das war das zentrale Anliegen Jesu. In der Bergpredigt heißt es: "Kümmert Euch zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Alles andere wird euch dazugegeben" (Mt 6,33). Jesus verglich das Reich Gottes mit einem verborgenen Schatz (Mt 13,44) und einer kostbaren Perle (Mt 13,45). Das Thema des Reiches Gottes ist keines unter vielen. Es durchzieht wie ein roter Faden das ganze Evangelium. Es muss den missionarischen Dienst der Kirche in aller Welt in neuer Weise prägen. Die Suche nach dem Schatz und der Perle ist die Suche nach Frieden und Gerechtigkeit. Es ist für Christinnen und Christen der Weg der Nachfolge. Auch ich suchte meinen Beitrag zu Frieden und Gerechtigkeit vom Zentrum des Glaubens her zu begreifen. Mein Ausgangspunkt dabei war der Weg der Gewaltfreiheit und des Dienstes an den Schwachen, den Jesus selber gegangen ist. Der Weg der Überwindung von Gewalt durch Verzicht auf Gewalt. Denkt in den Zeiten, die Euch aufgegeben sind, auch an die Spiritualität der Gewaltlosigkeit eines Mahatma Gandhi, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King. Sie alle waren tief geprägt vom Lebenskonzept Jesu, von der Tiefe der Gotteserfahrung, mit der er in den Tod ging: "Selig sind alle, die keine Gewalt anwenden. Selig sind die Friedensstifter." (Mt 5). Ja, es gilt auch heute, Im Sudan, in ganz Afrika und auf allen Kontinenten, das Gedächtnis des Leidens derer wach zu halten, die Opfer von Gewalt wurden. Es gilt, gerade heute wahre Friedens- und Versöhnungsarbeit als Nachgehen der Lebensspur Jesu zu verstehen. Die Vision vom wahren und dauerhaften Frieden des Reiches Gottes vor Augen. Aber auch mit der Bereitschaft, die Konfliktsituationen und Leiden zu ertragen, die sich aus dem persönlichen und gemeinsamen Einsatz für Gerechtigkeit ergeben. Die deutschen Bischöfe haben vor ein paar Jahren geschrieben: "Wenn wir die neutestamentliche Friedensbotschaft verstehen wollen, müssen wir zuerst vom friedenschaffenden Wirken Jesu sprechen – von seiner Seligpreisung der Armen und Trauernden, von seiner Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen, von seiner heilenden Nähe und vergebenden Heilung. Wir müssen aber auch von den Widerständen und Konflikten sprechen, in die Jesus hineingeriet und hineinging. Das Wort, dass er nicht gekommen sei, 'Frieden zu bringen, sondern das Schwert '(Mt 10,34), erinnert daran. Das Zentrum seiner Verkündigung, die Verwirklichung des jetzt schon gekommenen Gottesreiches, prägt in Zustimmung und Widerspruch sein Wirken und führt schließlich zum Tod am Kreuz. Der nichts als Frieden stiften wollte, wird Opfer menschlicher Gewalt" (Gerechter Friede, Nr. 41). Das Ziel eines neuen Afrika, eines befriedeten Sudan und eines positiven Bildes des ganzen Kontinentes ist dennoch keine weltfremde Utopie. Es ist ein Ziel, das durch das gemeinsame Bemühen der Weltgesellschaft erreicht werden kann. Und wenn wir es erreichen, wird ein wenig vom Reich Gottes, vom neuen Himmel und der neuen Erde verwirklicht sein. Die staatliche Entwicklungspolitik allein wird dies niemals erreichen. "Lasst Frieden regnen". Das ist auch das Leitwort von missio in Deutschland für den diesjährigen Afrikatag. Friede bleibt immer eine Frucht der Gerechtigkeit. Ein Weg der Nachfolge. Ein Weg mit vielen kleinen Schritten. In einer Zeit eingedämmter großer Kriege, aber dennoch ungezügelter Gewalt auf unseren Straßen, in den Medien und in vielen ethnisch und religiös gemischten Regionen der Welt und auch im Sudan muss es für Christinnen und Christen vor allen eines bedeuten: die Nachfolge Jesu neu lernen. Die schon in den Worten Jesu vernehmbare und in seinem Lebens- und Leidensweg erkennbare unvermeidliche Spannung zwischen "der Klugheit der Schlangen" und der "Sanftmut der Tauben" anzunehmen und auszuhalten lernen. Es könnte bedeuten, dass wir wie ein Franz von Assisi die "bösen Wölfe" jedweder Provenienz nicht verteufeln, erschlagen und erschießen, sondern mit pädagogischem Geschick, durch "Dialog", Aufbau von Beziehungen und Schaffung gerechter Lebensräume zu zähmen und gar zu friedliebenden Zeitgenossen machen. Für Forschung und Technologie müsste das visionäre Wort Albert Einsteins gelten, das er kurz vor einem Tod schrieb: "In Zukunft wird die Menschheit, um zu überleben, genau so viel Geld, Energie und Intelligenz für die Friedensforschung und für Friedensarbeit einsetzen müssen, wie sie bisher für die Produktion von Waffen und für Kriege eingesetzt hat."
Die Spuren von Gewalt sind an den zahllosen Opfern sichtbar, nicht zuletzt an Kindern und Frauen, aber auch an unserer aller Mutter "Erde". Erschreckend sind bei vielen Opfern die tiefen seelischen Wunden und Traumata, die oft nicht heilen wollen. Aber wir dürfen nicht resignieren. Der Friedensdienst in der Gesinnung Jesu ist kein beliebiger Dienst, den wir auch unterlassen könnten. Er gehört in das Zentrum unseres Glaubens. Denn dort steht Jesus Christus, der selber "unser Friede" (Eph 2,14) ist. Zwei Grundhaltungen erscheinen mir dabei wichtig: In der Welt permamenter Beschleunigung von Abläufen und ihren Bildern sowie der schier unaufhörlicher Berieselung durch flüchtige Eindrücke zunächst die sensible Fähigkeit, sich nicht an Bilder der Gewalt zu gewöhnen. Gandhi hat gesagt: "Gleichgültigkeit und Desinteresse am Leid der anderen sind die ersten Formen von Gewalt" Es bedarf der Tugend einer vertieften Aufmerksamkeit, einer Kultur der leiseren Töne, der Kontemplation, in der sowohl die Schönheit von Gottes Schöpfung wie aber auch die Armen und Opfer der Gewalt im Blick des Auges und im Blick des Herzens bleiben. Solche Kontemplation ist vielleicht das "Fünkchen" des Gottesreiches von Frieden und Gerechtigkeit, dass jede und jeder von uns bereits in sich trägt. Gregor von Nyssa hat das schön auf den Punkt gebracht: "Das Reich Gottes ist in euch ... In uns selber sehen wir das Abbild der Göttlichkeit. Und auch du kannst Gott erschauen und erfahren. Der, der dich schuf, hat eine immense Kraft in dein Innerstes gelegt". Die wahre Kraft zum Durchhalten und zum "nachhaltigen" Aufbau einer neuen Welt wird aus der Nachfolge kommen: In der Gewissheit, das der Geist in uns ausgegossen ist und eine Kraft ist, die verändernd wirkt. Die Nachfolge Jesu öffnet Augen und Herzen für die Schwachen. Die zweite Grundvoraussetzung ist die Fähigkeit zur Erinnerung: Die Opfer dürfen nicht der Vergessenheit anheimfallen, eigene Verstrickung und Schuld dürfen nicht verdrängt werden. Die katholischen Missionswerke in Deutschland, die seit langem Friedensinitiativen der Kirchen in Afrika unterstützen, begingen vor drei Jahren am Sonntag der Weltmission einen zentralen Gedenktag im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. In Afrika dagegen hat der Kolonialismus christlich geprägter Nationen tiefe Spuren des Leids hinterlassen. Zukunft für andere und uns selber gibt aber es nicht ohne die Erinnerung an eigenes Versagen und an Opfer der Gewalt, im eigenen Haus und in aller Welt.
Liebe Schwestern und Brüder! Frieden schaffen. Frieden selber neu lernen. Das bleibt schwierig, manchmal widersprüchlich, bleibt bruchstückhaft, jedoch auch notwendig, ist heilsam. Es gestaltet die Gegenwart und erhellt die Zukunft. Schließen möchte ich deshalb mit einem Wort von Albert Schweitzer, der sich auf seine Weise für Afrika aufgezehrt hat: "Kein Sonnenstrahl geht je verloren. Das Grün, das die Sonne hervorlocken will, braucht aber Zeit zum Erwachen und Sprießen. Der Sämann wird nicht immer die Ernte erleben. Im letzten aber ist jedes Bemühen um Leben und Werte eine Frucht des Glaubens ". Euer Daniel Comboni,
Missionar aus Khartoum im Sudan Hermann Schalück ofm |
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