Schwester Silke Mallmann (Missionsschwester vom Kostbaren Blut) arbeitet seit vielen Jahren in Südafrika mit Aids-Kranken. Die aus Stolberg (Bistum Aachen) stammende Ordensfrau hat in der südafrikanischen Provinz KwazuluNatal das „Community Centre St. Mary`s“ aufgebaut. In der Medizinischen Abteilung des Zentrums werden rund 900 Patienten behandelt, 380 Ehrenamtliche helfen insgesamt 2500 Aids-Waisen zu betreuen. Zur Zeit ist Schwester Silke Mallmann auf Einladung von missio zu Gast in Deutschland. Im Rahmen verschiedener Veranstaltungen stellt sie ihr Projekt vor und sorgt dafür, dass das Thema Aids nicht nur am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, aktuell ist. Dorothee Renzel-Walter (Pressestelle des Bistums Essen) sprach mit Schwester Silke über ihr Engagement und ihre Wünschen für Afrika: Im Moment ist der Kontinent Afrika und das damit zusammenhängende Thema Armut in aller Munde, nicht zuletzt aufgrund des G-8-Gipfels. Was versprechen Sie sich von diesem Gipfel? Könnten konkrete Ergebnisse möglicherweise Auswirkungen auf ihre Projektarbeit haben? Konkret setze ich keine großen Hoffnungen in den G-8-Gipfel. Ich hoffe auf die Verwirklichung der Milleniumziele, die bereits 2005 erreicht sein sollten. Unter anderem hätten längst 3 Millionen Menschen ein Recht auf den Zugang zu lebensverlängernden Medikamenten (Anti-Retroviral-Medikamente). Natürlich bleibt der Schuldenerlass ein wichtiges Thema für Afrika. Aber die Staaten müssten sich verpflichten, das gesparte Geld in soziale Projekte, zur Armutsbekämpfung und zur Stärkung der Stellung der Frau zu investieren. Nur über diese Kanäle lassen sich HIV und Aids nachhaltig bekämpfen.
Was halten Sie von dem Engagement der vielen Prominenten, besonders aus der Rock- und Pop-Szene, die sich für Afrika und seine Bevölkerung stark machen? Kann dieses Engagement möglicherweise auch ihrem Zentrum nützen? Konzerte, die für einen guten Zweck sind und die die soziale Arbeit in Afrika selbst unterstützen finde ich gut. Ich selbst habe bereits mit Elton John und der von ihm gegründeten Elton John Foundation zusammengearbeitet. Da konnte ich sehr gute Erfahrungen sammeln. Allerdings spreche ich mich ganz klar gegen Auslandsadoptionen aus. Und solche Madonna-Initiativen lehne ich ab!
14 Millionen Aids-Waisen in Afrika - was muss geschehen, damit die Zahl der Waisen nicht noch weiter wächst? Unabdingbar ist die Versorgung mit Anti-Retroviral-Medikamenten. So könnte es mehr Mütter geben, die fünf bis zehn Jahre länger leben. Darüber hinaus muss es präventive Maßnahmen geben. Ich wünsche mir mehr Programme zur besseren Stellung und zur Bildung der Frau. Es gibt zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche. Es fehlt an mittelständischen Betrieben, die Jugendlichen eine Zukunftsperspektive bieten könnten. Vielmehr geht der Trend dahin, dass gerade junge Männer meinen, möglichst viele Freundinnen haben zu müssen, um ein gutes Image zu haben. Viele Freundinnen bedeutet zwangsläufig eine Verbreitung von Aids. Gerade in Südafrika geht die soziale Schere immer weiter auseinander, dieser Prozess muss gestoppt werden.
Wie sieht ihre konkrete Hilfestellung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen aus? Etwa 380 freiwillige „Home based Carers“ sind in 15 Dörfern um Mariannhill aktiv. Durch diese Hauskrankenpflege werden Patienten mit HIV oder anderen chronischen Erkrankungen unterstützt Rund 2000 Kinder (davon 32 Kinderfamilien), die von HIV betroffen oder dadurch verwaist sind erhalten Unterstützung durch regelmäßige Hausbesuche.
Wir haben Selbsthilfe-Gruppen gegründet, etwa 450 Kinder sind hier Mitglied. Für besonders gefährdete Kinder haben wir sogenannte Drop-In-Centre (Kindertagesstätten) eingerichtet.
Wichtig ist uns, dass die Kinder trotz dieser schwierigen Situation spielen können und Spaß haben. Gerade die Kindertagesstätten bedeuten für die Familien eine große Entlastung. Für die Kinder heißt es, sie lernen ein Stück Normalität kennen, hier können sie ihren Rhythmus kennenlernen. Die Tagesstätten sind für viele der Kinder zum Familienersatz geworden.
Wir werden durch die Medien erfahren, was sich die Staatengemeinschaft überlegen wird, um Afrika zu helfen. Was können wir tun, jeder einzelne von uns? Wichtig ist, dass Aids nicht in Vergessenheit gerät. Ich bemerke zunehmend die Verharmlosung von HIV und Aids. Es herrscht ein ziemlich legerer Umgang mit dem Thema. Dabei ist die Zahl der Neuinfizierungen in Deutschland noch nie so hoch gewesen wie im vergangenen Jahr. Das Thema immer wieder ins Bewusstsein rufen, das ist auch Prävention. Aids und Armut vertragen kein Schweigen. Nicht zu schweigen, das kann die Epidemie stoppen. Es muss in aller Munde bleiben, sonst laufen wir Gefahr, dass es auch in Deutschland zur extremen Ausbreitung der Krankheit kommt. Wenn das Thema Armut in Afrika angegangen werden will, muss die Krankheit Aids Thema werden. Auf der sozio-politischen und auf der ethischen Ebene, nicht nur auf der biologisch-medizinischen. Aids ist die Bedrohung von Einzelpersonen, Familien, Dorfgemeinschaften und ganzen Nationen.
Mit freundlicher Genehmigung von Dorothee Renzel-Walter.
Quelle: Bistum Essen, 06.06.2007, 13.10 Uhr, http://www.bistum-essen.de/66+M558ab32e645.html |