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1. Grundpfeiler: "Gemeinschaft in der Nachbarschaft" |
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Die vier Grundpfeiler von Kleinen Christlichen Gemeinschaften sind: 1. Gemeinschaft in der Nachbarschaft, 2. Spiritualität/Bibel, 3. Soziales Engagement, 4. Verbindung mit der Kirche/ Teil von Kirche sein. Nachbarschaft: Katholiken einer konkreten Nachbarschaft (konkrete Straßenzüge oder ein Teil eines Dorfes) bilden eine Kleine Christliche Gemeinschaft. Das gesamte Gemeindegebiet ist in solche KCGs eingeteilt. Diese treffen sich regelmäßig (wö-chentlich, 14-tägl., monatl.) in Privathäusern. Damit bilden die Kleinen Christlichen Gemeinschaften die Realisierung von Kirche vor Ort. Kirche in ihrer Konkretion in der Nachbarschaft übernimmt und lebt alle Grundfunktionen von Kirche: Liturgia (im Feiern gemeinsamer Gottesdienst in verschiedenen Formen - auch gelegentliche Eucharistiefeier, wenn der Priester in die KCG kommt), Diakonia (im sozialen Engagement im konkreten Lebensumfeld, Krankenbesuche, Hilfen...), Martyria (Übernahme von Katecheseaufgaben im Bereich Erstkommunion-, Beicht-, Ehe- und Taufvorbereitung; Integration von Katechumenen; Zegnis des Glaubens in der Nachbarschaft durch einladende Präsenz und Besuche) und Koinonia (Gemeinschaft der Glaubenden im regelmäßigen Treffen, Bibel-Teilen und anderen Gottesdiensten, gemeinsamer Aktion, beim Dienste-Teilen und Leben-Teilen und damit auch bei gemeinsamen Friezeitaktivitäten, Festen). |
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In Deutschland in der Nachbarschaft mit KCGs beginnen? |
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Die Bedeutung der Nachbarschaft als Lebens- und Beziehungsraum hat in Deutschland und ganz Westeuropa in den letzten Jahrzehnten enorm abgenommen. Besonders in den Städten orientieren sich die Menschen oft nach ganz anderen Kategorien. Wohnort, Arbeitsort, Ort der Freizeitbeziehungen und oft auch der Kirchort fallen auseinander. Man kennt den Wohn-Nachbarn nur noch vom Sehen, sucht sich seine Freunde woanders. Man scheint sich nicht mehr zu brauchen und die Mobilität lässt Beziehungspflege mit „Gleichgesinnten“ im weiten Umfeld zu. Kann man in einer solchen Realität sozialer Beziehungsstrukturen mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Deutschland in der geographischen Nachbarschaft beginnen (wie in Asien) oder sollte man „Nachbarschaft“ in Europa vielleicht im Sinne von „Menschen in meinem Lebenskontext“ interpretieren? Die asiatischen Experten warnen uns davor, der Herausforderung der räumlichen Nachbarschaft auszuweichen (siehe unten). Die soziale Verantwortung wird ernst und nachfragbar im Nahbereich der Nachbarschaft. Das Kriterium einer klar abgegrenzten Nachbarschaft (die man sich allerdings nicht zu klein vorstellen muss) nimmt der Auswahl neuer Gruppenmitglieder die Beliebigkeit. Eine Kleine Christliche Gemeinschaft muss prinzipiell offen sein für alle Glaubenden, nicht nur für die mir Gleichgesinnten oder die mir Sympathischen. Sonst wird sie schnell zu einer „geschlossenen Gesellschaft“ zur „Kuschelgruppe“, die sich abschließt für andere. Es darf aber gefragt und bedacht werden, ob man in Deutschland nicht angesichts der gerade beschriebenen soziologischen Realität beim Aufbau Kleiner Christlicher Gemeinschaften mit anderen Gruppen, die sich nicht in einer geographischen Nachbarschaft gebildet haben, beginnen kann. So kann sich ein Familienkreis, eine Bibelgruppe, eine Frauengruppe oder ein Katechetenkreis dazu entscheiden, sich auf den Weg zu machen eine Kleine Christliche Gemeinschaft zu werden und das Gruppenleben nach den Grundpfeilern dieses Konzeptes zu gestalten. Aber nach einer Zeit des Eingewöhnens wird und muss auch hier die Kategorie „Nachbarschaft“ ins Spiel kommen. - Wo soll sich (nachprüfbar und lebensnah) das soziale Engagement der KCG realisieren, wenn nicht in der Nachbarschaft?
- Wo können Menschen besucht werden, können Beziehungen unter Christen dadurch neu entstehen, wie kann einladend auf die KCG hingewiesen werden, wenn man nicht als Nachbar sich auf diesen Anlass für gerade diesen Besuch berufen kann?
- Und wenn die KCG wächst? Dann muss sie sich teilen. Und das Kriterium der Teilung muss wiederum sich orientieren an der Geographie der Wohnungen, an der (möglicherweise durchaus weiträumigen) Nachbarschaft.
„Ich glaube, dass das Konzept der Kleinen Christlichen Gemeinschaften nur in solch heterogenen Gruppen, wie sie die Nachbarschaft bietet, seine integrierende Kraft entfalten kann und vor spiritueller Elitenbildung geschützt ist.“ (Bernhard Spielberg)
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Herausforderung "Nachbarschaft" - Bemerkungen von Wendy Louis, Singapur, zu unseren deutschen Bedenken |
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Die Tatsache, dass Kleine Christliche Gemeinschaften in den afrikanischen und asiatischen Konzepten immer in der Nachbarschaft - also in einem geographisch klar umrissenen Raum - angesiedelt sind (und damit nicht nur eine personale, sondern auch eine räumliche Substruktur von Gemeinde bilden) wird in Deutschland immer wieder kritisch angefragt. Viele halten dies in Westeuropa nicht für realisierbar, weil die traditionelle Nachbarschaft nicht mehr funktioniert und der Wohnkontext für viele Menschen nicht mehr der Bezugsrahmen für Beziehungen bilde. Letzteres ist sicher richtig, führt aber sozial zu Vereinsamung und bedeutet für das Konzept der Kleinen Christlichen Gemeinschaften einen weitgehenden Verzicht auf die missionarische Komponente. Wendy Louis, Leiterin des Pastoralinstitutes der Erzdiözese Singapur, sieht durch den Verzicht auf die Dimension "Gemeinschaft in Nachbarschaft" das Konzept sogar grundsätzlich gefährdet. Nach Gesprächen und Erfahrungen während einer Seminarreise in Deutschland im Juni 2005 schreibt sie in einer Reflexion: Wenig beliebte Konzepte Nachbarschafts-Gemeinschaften Es gibt viele Gruppen, deren Mitglieder aus allen Teilen der Pfarrei oder der Stadt kommen. Warum können wir diese Gruppen nicht Kleine Christliche Gemeinschaften nennen? Dies war die am häufigsten gestellte Frage in den Diskussionen über die Natur der Kleinen Christlichen Gemeinschaften bzw. der Christlichen Basisgemeinschaften. Die theologische Basis für solch eine Gruppe ist, dass die Kirche nur erfahren werden kann, wenn wir eine Gruppe sind, die die Realität der Kirche widerspiegelt. Der Zugang zur Kirche kann nicht exklusiv über Freundschaft oder Interesse gehen. Wenn wir eine Gruppe von Freunden sind, die nicht offen ist dafür, dass andere dazukommen können, dann kann diese Gruppe keine Kleine Christliche Gemeinschaft werden. Diese Feststellung war am schwierigsten für die Leute in Deutschland zu akzeptieren und doch das ist es der Schlüssel dafür, Klei-ne Christliche Gemeinschaften zu haben, die wirklich „Kirche in der Nachbarschaft“ sind, genauso wie die Familien die „Haus-Kirchen“ sind.
Was wir in der Praxis tun müssen ist, die Vision für uns klar zu halten und den Leuten bewusst zu machen, was das Ideal ist, während wir akzeptieren, wo sie gerade sind und während wir mit ihnen arbeiten. Mit den Menschen arbeiten meint z. B., dass wir ihnen hel-fen zu begreifen, wie wichtig es ist, den Schritt 6 (Sendung) in ihren Bibel-Teil-Gruppen auszuführen. Das heißt, dass wir fortwährend Bewusstseinsprogramme anbieten bei allen Treffen und Konferenzen, um das Verständnis der Kirche von der Apostelgeschichte her zu vertiefen und das Verständnis dafür, wie dies in das heutige Leben übersetzt werden kann. Der wichtige Punkt, den wir im Kopf behalten müssen ist, dass die Leute immer ein-geladen und nie gezwungen werden, damit ihr Bewusstsein dafür wächst, dass sie selbst Kirche sind. Sie entscheiden für sich selbst, wie sie ihren Glauben ausdrücken werden.
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Herausforderung "Nachbarschaft" - eine spirituelle Erfahrung |
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Dieter Tewes, Teilnehmer eines der Seminare mit Wendy Louis, ergänzt die Gedanken von Wendy Louis mit einer spirituellen Erfahrung während des Seminars: Wendy Louis erwähnt in ihrer Reflexion die Gespräche, die sie zu der Frage hatte, ob Kleine Christliche Gemeinschaften auch in Deutschland wirklich in der Nachbarschaft beheimatet sein sollten. Sie gibt diesem Abschnitt die Überschrift "Unpopuläre / unbeliebt Konzepte" und wir alle haben ja schon über diesen Punkt diskutiert und nachgedacht. Auch auf dem gemeinsamen Seminar mit Wendy Louis für die Diözesen Hamburg, Hildesheim und Osnabrück in Worphausen wurde dieser Punkt kritisch angefragt. Er ist einer der vier Grundpfeiler von Kleinen Christlichen Gemeinschaften (Diese sind: 1. Gemeinschaft in der Nachbarschaft, 2. Spiritualität/Bibel, 3. Soziales Engagement, 4. Verbindung mit der Kirche/ Teil von Kirche sein). Wir haben also in diesem Seminar heftig darüber diskutiert, ob für unseren Kontext nicht doch die freundschaftliche Beziehung oder die gleichen Interessen Basis für eine gemeinsame Mitgliedschaft in einer Kleinen Christlichen Gemeinschaft sein könnte. Wendy Louis hat immer darauf hingewiesen, dass gerade die Nachbarschaft die wesentliche Herausforderung für Christen und damit für dieses Konzept darstellt.
In der Abendeinheit des selben Tages haben wir miteinander die Bibel geteilt. Bibeltext für dieses Bibel-Teilen sollte das Tagesevangelium sein. Das Tagesevangelium war aus der Bergpredigt (Mt 5) und sprach von der Feindesliebe. Da kam auch Vers 47 vor: "Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?"
Das Bibel-Teilen machte uns allen klar, dass hier unser Problem des Nachmittags angesprochen war: "Wenn ihr nur mit denen Kleine Christliche Gemeinschaften bildet, mit denen ihr auch sonst auf einer Wellenlänge liegt, Gemeinschaft pflegt und gut auskommt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?" Es wurde klar: Genau wie ich in eine Familie hineingeboren werde, mir also meine Geschwister nicht aussuchen kann, sondern herausgefordert bin, mich mit ihnen zusammenzuraufen, mit ihnen zu arrangieren, genauso bin ich in eine Nachbarschaft hineingesetzt, die ich mir letztlich nicht ausgesucht habe. Die Christen in dieser Nachbarschaft sind mir als Teil meiner Gemeinde gegeben, mit der ich auskommen muss, die mir Brüder und Schwestern im Glauben sind. In Deutschland schwingen bei dem Wort "Gemeinschaft" sehr intensive Gefühle mit, die eine sehr intensive und intime Beziehung meinen. Eine solche intime Beziehung ist in Kleinen Christlichen Gemeinschaften nicht gemeint. Es darf ruhig Spannungen und Meinungsverschiedenheiten geben.
Trotzdem müssen wir uns bewusst sein, dass wir in dieser Nachbarschaft, in dieser Kleinen Christlichen Gemeinschaft "Kirche" sind und leben und auf dieser Basis miteinander an Kirche arbeiten, auch wenn wir sonst manchmal Schwierigkeiten miteinander haben. Im englischen wird das Wort Comunity auch für Gemeinde (Pfarrgemeinde) gebraucht. Es ist nicht die Kuschelgruppe. Ich denke also, wir müssen unseren Gemeinschaftsbegriff etwas von dem Idealisierungspodium herunterholen, um realistisch damit leben zu können, denn es braucht das nachbarschaftliche Konzept, um wirklich missionarische Kirche zu sein. Erst wenn eine Gruppe Kleine Christliche Gemeinschaft in der Nachbarschaft ist, ist sie wirklich auch
herausgefordert, zu den Menschen in dieser konkreten Nachbarschaft, in diesen nahen Lebensumfeld zu gehen, Kontakte aufzubauen, Menschen zu besuchen, Hilfestellung und soziales Engagement ganz konkret zu machen. "Liebe deinen Nächsten" heißt im englischen "Love your neighbour". Der Nächste ist der Nachbar.
(Dieter Tewes) |
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