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Inkulturation von Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Deutschland

 

  Inkulturation von Kleinen Christlichen Gemeinschaften in Deutschland ist ein Prozess hin zu lokaler Kirchenentwicklung  
 

Mehr als Bibel-Teil-Gruppen

 
 

Wo immer aber die Frage nach der zukünftigen Gestalt der Kirche auch als geistliche Frage gestellt wird, kommt das Kirchenbild des II. Vatikanischen Konzils ins Spiel: Kirche als Volk Gottes, in der die Getauften Verantwortung übernehmen und ihre Charismen entdecken und leben können. 

Weil diese Getauften immer ganz konkret in einer Nachbarschaft, in einem Viertel, in einem sozialen Nahraum leben und eingebettet sind, geschieht diese Weise des Kirche-Seins auch immer in diesen sozialen Nahräumen. Es wird wesentliche Aufgabe der Hauptamtlichen in Zukunft sein, den Getauften zu helfen, die tiefe Bedeutung ihres Getauftseins zu entdecken, sie zu sammeln und auszubilden, damit sie bereit und fähig werden in den sozialen Nahräumen, in denen sie leben, Zellen zu bilden, die durch eine partizipative Vernetzungsstruktur in enger Verbindung mit der Pfarrei stehen. In diesen Zellen wird eine christuszentrierte und biblische Spiritualität gepflegt, aus der heraus die Gruppe sozial und kirchlich handelt. 

Kirche so als Gemeinschaft von Gemeinschaften vor Ort zu verstehen, ermöglicht der Kirche in der Fläche lebendig erfahrbar zu sein.

 

Die so verstandene theologische und soziale Gestalt der Kirche hat sich seit dem Ende des Konzils entwickelt und in den letzten Jahrzehnten in allen Kontinenten immer mehr verbreitet –  vor allem in den Ländern des Südens wo der Priestermangel eklatant und die Entfernungen der Kapellengemeinden und Außenstationen zur Zentralpfarrei groß waren und sind. So ist diese Weise des Kircheseins schon seit den 70er Jahren in den Philippinen, im südlichen und östlichen Afrika und seit 1990 in Asien das von den Bischöfen beschlossene Grundmodell der Pastoral (in Asien genannt „Asiatischer integraler pastoraler Ansatz“, AsIPA).

Für die beschriebenen Gemeinschaften, die sich als Substruktur von Pfarreien und Kapellengemeinden verstehen gibt es verschiene lokale Bezeichnungen. Am weitesten verbreit sind die englischen Bezeichnungen „Basic Ecclesial Communities“ und „Small Christian Communities“. Es geht um Kirche an der Basis, auf der Graswurzelebene. Englisch, Spanisch, Portugiesisch und viele andere Sprachen kennen keine unterschiedlichen Worte für Gemeinschaft und Gemeinde. Im weltweiten Verständnis ist eine lokale Gemeinschaft im Glauben zusammenkommender Christen Gemeinde. Davon zu unterscheiden ist die Pfarrei als kirchenrechtliche Größe, innerhalb derer (auch in Deutschland schon jetzt und noch mehr zukünftig) eine Vielzahl von Gemeinden leben und miteinander vernetzt sind. 

 

Die Realisierung der vatikanischen Vision von Kirche wird in Deutschland (besonders) unter dem Label „Kleine Christliche Gemeinschaften“ (KCG) versucht. Obwohl es nur die Bezeichnung eines wichtigen strukturellen Teilelements des Ansatzes ist, hat es sich in Deutschland auch als Name des sehr viel umfänglicheren pastoralen Ansatzes verbreitet, was allerdings immer wieder zu Missverständnissen führt. Es geht eben nicht um irgendwelche Gemeinschaften, die sich als christlich verstehen und dann auch noch klein sind. Davon gibt es viele und auch auf Ortsgruppen des ein oder anderen katholischen Verbandes trifft das sicher zu. Kleine Christliche Gemeinschaften in unserem Sinne sind eine geographisch orientierte Substruktur der Pfarrei, die offen ist für alle, die mitmachen wollen, die eine für alle Getauften mitlebbare Spiritualität pflegt und als Kirche vor Ort mit den dort jeweils lebenden Menschen in Beziehung tritt (die missionarische Dimension). Kleine Christliche Gemeinschaften sind keine neue geistliche Bewegung und auch kein Verband, dem man beitreten kann, sind keine Gemeindegruppen neben anderen. 

 

missio, dass die Entwicklung dieses pastoralen Ansatzes unterstützt und begleitet hat, gab seit den 90er Jahren wichtige Impulse für den Beginn eines Lernweges auch im deutschsprachigen Raum und ermöglichte Begegnungen, Lernreisen und eine Unterstützung der deutschen Entwicklung durch Fachleute aus Afrika und Asien. Dadurch konnte und kann auf diesem Weg auf Erfahrungen vieler Ortskirchen in Asien oder Afrika, aber auch in Lateinamerika, Nordamerika oder Frankreich zurückgegriffen werden. 

 

Die Verschiedenartigkeit der konkreten Ausgestaltung dieser partizipativen Weise des Kirche-Seins in den unterschiedlichen Länder zeigt, dass es nicht um die Kopie eines Modells geht, sondern um einen weltkirchlichen Lernprozess, bei dem pastorale Konzeptionen für große Seelsorgeräume sowie Methoden und Erfahrungen der verschiedenen Ortskirchen genutzt werden können. Es geht um die praktische Inkulturation einer gemeinsamen Vision von Kirche, die auf dem II. Vatikanischen Konzil beruht. 

Auf dem Weg, durch Kleine Christliche Gemeinschaften in großen pastoralen Strukturen missionarisch und partizipativ Kirche zu leben, kann inzwischen auch schon auf Erfahrungen in Pfarreien im deutschsprachigen Raum zurückgegriffen werden. 

 

Anfangs war man der Meinung, dass nur „Bibel-Teil-Gruppen“ gegründet werden müssten, dann würden sich diese schon nach und nach ihrer Sendung und ihres Kircheseins bewusst und sie würden so zu Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Das war aber nicht der Fall. Die Bibel-Teil-Gruppen blieben im durchaus positiven Sinne „spirituelle Selbsthilfegruppen“, d.h. die Mitglieder waren spirituell ausgehungert und haben auf der Suche nach einem Ort, wo sie biblisch-spirituell Nahrung finden können, das bibelteilen entdeckt, das sie mit Gleichgesinnten praktizieren. Sie haben sich selbst in ihrer Not geholfen, sind nun aber oft zufrieden mit dieser Situation und haben nur selten das Bedürfnis, diesen Weg weiter zu gehen in Richtung „Kirche am Ort werden“.

 

Elemente dieses Weges, Kirche zu sein sind:

·     Wenn die Getauften in einer Gemeinde zusammenkommen, realisiert sich Kirche. 

·     Da jede/r Getaufte als Geistträger berufen und begabt ist, Teil von Kirche zu sein, wird ein möglichst hohes Maß an Partizipation angestrebt.

·     Leitung wird auf allen Ebenen ermöglichend, animierend und nichtdominierend wahrgenommen. Auch das bedarf der Schulung und einer Spiritualität des Dienens.

·     Priester, Ordensleute, Hauptamtliche und Laien verstehen sich als gleichwertige Schwestern und Brüder im Glauben und arbeiten gemeinsam – wenn auch mit verschiedenen Aufgaben – am Aufbau des Reiches Gottes.

·     Die Gläubigen bilden Gemeinschafen in ihrem sozialen Nahraum („Nachbarschaft“), die vor Ort Kirche realisieren (Kleine Christliche Gemeinschaften).

·     Die Gemeinschaften treffen sich regelmäßig in Privathäusern der Mitglieder – normalerweise ohne Priester oder Hauptamtlichen.

·     Die Mitglieder der Kleinen Christlichen Gemeinschaft wählen sich einander nicht aus (wie z.B. in einem Familienkreis), sondern nehmen einander als Brüder und Schwestern im Glauben an. Jede/r darf mitmachen. 

·     Es geht nicht um Kuscheligkeit in der Gruppe, sondern um gemeinsames Kirchesein, das auch Spannungen oder Milieu-Unterschiedlichkeit zulässt.

·     Christus schafft die Gemeinschaft. KCGs sind Chistuszentriert und gemeinschaftsorientiert – nicht umgekehrt.

·     In den Gemeinschaften erfahren sie Christus als ihre Mitte und hören gemeinsam auf das Wort Gottes, das sich ihnen besonders im Bibel-Teilen erschließt.

·     Das Bibel-Teilen wird als Liturgie der Gegenwart Jesu im Wort und in der Gemeinschaft gefeiert. Es ist keine Schriftgesprächsmethode.

·     Die Kleine Christliche Gemeinschaft entwickelt und pflegt Beziehungen zu den Menschen in ihrem sozialen Nahraum, ihrer „Nachbarschaft“. 

·     Die Kleine Christliche Gemeinschaft nimmt die Bedürfnisse und Nöte der Menschen in ihrem Umfeld wahr und entdeckt darin den Anruf Jesu. Sie weiß sich gesandt.

·     Das soziale und kirchliche Handeln, das z.B. im Schritt 6 des Bibel-Teilens angefragt wird, ist damit ein konstitutives Element der KCG. 

·     Entscheidungen (z.B. welche Aufgabe im „Handeln“ als nächstes angegangen wird) werden in der Gemeinschaft durch Konsens getroffen, nicht durch mehrheitsorientiertes Abstimmen. Alle Mitglieder – auch die schwächeren – müssen eine Entscheidung mittragen. Das wird als Wirken des Heiligen Geistes wahrgenommen.

·     Die Kleine Christliche Gemeinschaft lebt aus der Eucharistie der Pfarrgemeinde und ist durch sie und durch konkrete Vernetzungsstrukturen in der Pfarrei mit der gesamten Kirche verbunden.

·     Auf Zeit gewählte Leiter/Leiterinnen vertreten die Gemeinschaft in Leiter-Treffen auf Bezirks- oder Pfarrebene, wo dann auch ein Hauptamtlicher oder Priester dabei ist (Vernetzung).

·     Die Aufgabe der Priester (und Hauptamtlichen) liegt neben der Spendung der Sakramente und einer ermöglichenden Leitung in einer kirchlich-spirituellen Bewusstseinsbildung, in der Animation, der Ausbildung und der kontinuierlichen  Weiterbildung von Multiplikatoren, Leitern und Diensten. 

·     Je nach der für die konkrete Pfarrei gegebenen Sinnhaftigkeit werden Dienste (z.B. Katechese, Ehevorbereitung, Trauerpastoral und Beerdigung, Leitung von Wort-Gottes-Feiern, Hausbesuche, Katechumenatskurs) auf den verschiedenen Ebenen der Pfarrei (Pfarrei, Bezirk, Kapellen- oder Teilgemeinde, KCG) angesiedelt.  Aus den KCGs heraus werden Verantwortliche für diese Dienste vorgeschlagen, dann ausgebildet und in einer Feier (auf Zeit) beauftragt. 

·     Viele Aufgaben (auch im Bereich Verwaltung und Finanzen), die früher vom Priester / Hauptamtlichen wahrgenommen wurden, liegen jetzt (oft dezentral) in der Hand von Getauften und Dienste-Teams. Der Priester wird entlastet, hat mehr Zeit für seelsorgliche Aufgaben.

 

 

Zu Beginn eines solchen Kirchwerdungsprozesses in einer Pfarrei steht immer die Sehnsucht vieler (Hauptamtlicher und Getaufter), nach einer anderen, ursprünglichen, spirituellen und sozial handelnden Weise des Kircheseins. Die Sehnsucht nach Gotteserfahrung in und durch diese Kirche. Diese Sehnsucht hat der Geist Gottes schon in die Herzen vieler Menschen gelegt, aber die Kraft zur Veränderung, die Kraft, einen Weg ins Ungewisse zu beginnen kommt oft erst aus einer Not- oder Druck-Situation: Der Weggang des Pfarrers, der Zusammenlegung mit mehreren anderen (ehemaligen) Pfarreien.

Wenn der Entschluss (von Hauptamtlichen und Gremien) gefällt wurde, den Weg in Richtung einer solchen Weise des Kircheseins zu beginnen, kommt dann zunächst die Phase der gemeinsamen Visions-Entwicklung: Wie möchte Christus, dass wir hier in St. XY Kirche sind? 

Nach der Beschäftigung möglichst vieler mit den Fragen „Was ist Kirche?“ „Was sagt die Bibel?“ „Was sagt das Konzil?“... formulieren möglichst viele Gruppen in der Pfarrei ihre Vision von Kirche. Diese Formulierungen werden dann von einem Gremium auf Pfarrebene zu einer  gemeinsamen Formulierung zusammengeführt. Nachdem diese Formulierung von den Gruppen kritisch rezipiert und befürwortet wurde, wird sie in einem Gottesdienst feierlich verkündet und in allen Räumen und Gruppen immer wieder neu präsent gemacht. Nur eine von allen geteilte Vision gibt die Kraft für einen neuen Aufbruch und die Schwierigkeiten des Weges der „Inkulturation“ dieser Weise des Kircheseins in die konkrete Pfarrei. 

 

Es also geht nicht um die Gründung von Gruppen. Bibel-Teil-Gruppen allein sind noch keine Kleinen Christlichen Gemeinschaften, sondern bleiben „spirituelle Selbsthilfegruppen“ der Mitglieder, wenn sie sich nicht als Kirche vor Ort verstehen und im Kontext der Pfarrei Teil eines gemeinsamen Weges sind.

Andererseits werden nicht alle Pfarreimitglieder (gleich) mitmachen. Veränderung löst immer Ängste aus. Auch bei Priestern und Hauptamtlichen. Einem scheinbaren Machtverlust steht bei ihnen die Erfahrung einer größeren Partizipation und einer vertieften Spiritualität vieler gegenüber.

Aber auch die traditionell denkenden Mitglieder der bisherigen Kerngemeinden spüren, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann: Der Priestermangel zwingt zu größeren pastoralen Strukturen... Wie bleibt da Kirche vor Ort, in meinem Dorf lebendig? Die Gottesdienstbesucherzahlen gehen zurück und die eigenen Kinder und Enkel sind der Kirche entfremdet und glauben nicht mehr... Wie kann die frohe Botschaft wieder die Menschen (auch in meiner Familie) erreichen und ihrem Leben Perspektive und Hoffnung geben?

Die Kirche muss sich verändern und das geht nur als Kirche, die Volk Gottes ist und sein will.

 

Oswald Hirmer, emeritierter Bischof von Umtata, Südafrika, und als langjähriger leitender Mitarbeiter der Pastoralinstitute in Lumko, Südafrika, und in Singapur einer der Väter des Bibelteilens und der Kleinen Christlichen Gemeinschaften, sagte auf dem Symposium „Kleinen Christliche Gemeinschaften verstehen“ 2008 in Wohldenberg bei Hildesheim: „Es geht um eine 180°-Wende: Früher haben die Leute dem Pfarrer geholfen, Kirche zu sein, jetzt hilft der Pfarrer den Leuten, Kirche zu sein.“  

 

 

Dieter Tewes

Missionarische Dienste/missio im Seelsorgeamt Bistum Osnabrück

missio-Projektleiter „Spiritualität und Gemeindeentwicklung – Kleine Christliche Gemeinschaften in Deutschland“

Mitglied im Nationalteam Kleine Christliche Gemeinschaften in Deutschland