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  • Bibel-Teilen - Begeisterung uns Skepsis
  • Ein schwerwiegendes Missverständnis
  • Gefahr der isolierten Übernahme des Konzeptes
  • Bibel-Teilen als Schule des Glaubens
  • Erwachsen werden im Glauben
  • Die Leitungsrolle

     

  • Vom "gospel sharing" zur Methode der Bibelarbeit? Schwierigkeiten und Chancen des Bibel-Teilens in Deutschland

    von Georg Steins
     

      Bibel-Teilen - Begeisterung uns Skepsis  
     

     
     

    Das Bibel-Teilen nach den 7 Schritten ist seit Mitte der 80er-Jahre auch in Deutschland bekannt. Es wird von vielen Gruppen praktiziert, ist in vielen Gemeinden fast schon eine selbstverständliche Form der Begegnung und des geistlichen Austauschs. In einigen Bistümern spielt das Bibel-Teilen, angestoßen durch Diözesansynoden oder Diözesanforen eine zentrale Rolle in der Erneuerung der Pastoral. Es gibt hei der Übernahme dieser „Methode“ aber auch Schwierigkeiten, die nicht zu unterschätzen sind. Einige Probleme gehen sicher auf eine mangelnde Beschäftigung mit dem Bibel-Teilen und fehlende Professionalität in der Umsetzung zurück. Hier helfen die Impulse der AsIPA-Texte, Serie A, weiter; sie vermitteln Anregungen zur Einweisung und Einübung. Auf eine Einweisung und die schrittweise Einübung kann beim Bibel-Teilen ebenso wenig verzichtet werden wie bei anderen „Methoden“ gemeindlicher Arbeit. Wie immer, wenn Neues eingeführt wird, ist die erste Voraussetzung der lange Atem, die Geduld mit sich und anderen und die Bereitschaft, auch aus Fehlern zu lernen.
    Damit ist zunächst eher die handwerkliche Seite angesprochen. Die Probleme, auf die ich immer wieder angesprochen werde, liegen jedoch tiefer. Viele von ihnen hängen zusammen mit der besonderen Situation der Gemeindepastoral und Bildungsarbeit in Deutschland.

     
       

      Ein schwerwiegendes Missverständnis  
     

     
     

    Das Bibel-Teilen traf und trifft in Deutschland auf eine spezielle Situation: in den Gemeinden, den übergemeindlichen Ebenen und in Bildungswerken werden vielfältige Formen der Bibelarbeit zu unterschiedlichen Anlässen praktiziert. Ich nenne nur als die gebräuchlichsten Formen etablierte Bibelkreise, mehrjährige Bibelkurse, die jährliche ökumenische Bibelwoche, Kinderbibelwochen, den Bibelsonntag, Vortragsreihen zu bibeltheologischen Themen. Die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen und zeigt die erfreulich große Bedeutung der Bibel und das verbreitete Interesse, die heilige Schrift besser kennen zu lernen.
    Vielfach hat diese entwickelte „Szene“ biblischer Bildungsarbeit die Rezeption des Bibel-Teilens entscheidend beeinflusst - und leider auch erschwert; denn sie hat einem Missverständnis Vorschub geleistet: Das Bibel-Teilen wird als eine Methode der Bibelarbeit verstanden, die neben den zahlreichen anderen Methoden steht. Sie zeichnet sich nach diesem Verständnis dadurch aus, dass es sich erstens nicht um eine akademische Form der Bildungsarbeit handelt und zweitens zur Gruppenleitung keine theologisch geschulte Person nötig ist.
    Die beiden genannten Kennzeichen treffen zwar auf das Bibel-Teilen zu, aber dennoch liegt hier eine verkürzte oder besser: eine verfehlte Rezeption vor, weil die Eigenart und der theologische Anspruch des Bibel-Teilens mit den beiden Merkmalen nicht zureichend erfasst wird. Bibel-Teilen ist keine Methode der Bibelarbeit neben der zahlreichen anderen, sondern ein gottesdienstlich-meditatives Geschehen. Oswald Hirmer beschreibt das Bibel-Teilen bündig als „Verlängerung des Wortgottesdienstes der Eucharistiefeier in die kleine Gemeinschaft hinein“. Der Anspruch geht also in eine ganz andere Richtung als der der Bibelarbeit, die zwar auch auf unterschiedlichen Ebenen zur Begegnung mit dem Wort Gottes in der Heiligen Schrift führen will, sich aber primär von der Bildungsarbeit und nicht vom Wortgottesdienst her definiert.
    Möglicherweise hat die im deutschen Sprachraum übliche Bezeichnung „Bibel-Teilen" dieser problematischen Rezeption Vorschub geleistet. „Bibel-Teilen" lässt an eine Methode denken wie Bibelarbeit, Bibliodrama o.Ä. Der ursprüngliche englische Ausdruck „gospel sharing“, der nicht direkt ins Deutsche übersetzt werden kann, signalisiert nicht eine Arbeitsmethode mit der Bibel, sondern vielmehr ein Teilhaben und Teilgeben am Evangelium - Kommunikation im Glauben und Gemeinschaft des Lebens aus dein Glauben. „Gospel sharing“ umschreibt also das Geschehen von Offenbarung und von Kirche. Vielleicht findet sich mit der Zeit eine Übersetzung von „gospel sharing“, die die Missverständnisse des Ausdrucks „Bibel-Teilen“ vermeiden hilft. Ich übersetze „gospel sharing" mit „Gemeinschaft im Wort".
    Der Leiter einer Bibelpastoralen Arbeitsstelle einer süddeutschen Diözese sagte mir einmal, er praktiziere das Bibel-Teilen nicht mehr, weil „dabei so wenig hängen bleibt“. Diese Äußerung offenbart das verbreitete Missverständnis. Niemand würde sich wohl entschließen, im Vespergottesdienst der Gemeinde die Psalmen zu streichen, weil die Teilnehmenden die schönen und oft auch schwierigen Texte auf diese Weise nicht schon exegetisch richtig verstehen, wenn sie sie im Gottesdienst nur sprechen. Schon hier stellt sich die Frage, ob der zitierten Äußerung nicht ein zu enger Begriff von „Verstehen“ zugrunde liegt. Die Liturgie hat eine eigene Hermeneutik, leistet auf eine eigene Art einen Beitrag zum Verstehen der Bibel, der durch Bildungsarbeit nicht ersetzt werden kann und auch nicht ersetzt werden soll.
    Das Bibel-Teilen ist also kein Ersalz für die herkömmliche Bibelarbeit in ihren vielen erprobten Formen; es will dies auch dezidiert nicht sein. Hinter der Einfachheit verbirgt sich auch kein Anti-Intellektualismus, wohl aber die Erfahrung, dass das Evangelium mehr als den Kopf ansprechen will. Vor einer fundamentalistischen Verzweckung ist das Bibel-Teilen ebenso wenig geschützt wie andere Aktionsformen in der Pastoral, aber ein möglicher Missbrauch spricht nicht gegen den sinnvollen Einsatz des Bibel-Teilens.

     
       

      Gefahr der isolierten Übernahme des Konzeptes  
     

     
     

    In vielen Gesprächen über das Bibel-Teilen - mit begeisterten Anhängerinnen und Anhängern und mit ebenso entschiedenen Kritikerinnen und Kritikern - habe ich den Eindruck gewonnen, dass die vermeintliche Einfachheit der „Methode“ und die oft als simpel empfundene Präsentation der Materialien (vor allem der „naiven“ Illustrationen) dazu verleiten kann, das solide, durch und durch vom Zweiten Vatikanischen Konzil inspirierte theologische Fundament und den theologischen Anspruch als Ereignis von Kirche zu übersehen.
    Problematisch ist vor allem eine isolierte Übernahme des Konzeptes, die darin in erster Linie eine recht einfache Form der Bibelarbeit oder auch nur einen Impuls für das Gruppengespräch sieht. Hier liegt die Gefahr einer dreifachen Isolierung des Bibel-Teilens: Es wird lösgelöst

    • vom Kontext der Glaubensgemeinschaft, der Kirche, 
    • vom Kontext des Glaubens in seiner geistlich-sakramentalen Gestalt, 
    • vom Kontext der Feier des Wortes Gottes im Medium der Heiligen Schrift.  

    Bibel-Teilen kann demgegenüber zu einem wichtigen Baustein werden für eine neue Art, Kirche zu sein, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil in den großen Konstitutionen zur Liturgie, zur Kirche und zur Offenbarung skizziert hat. Das Bibel-Teilen hilft, aus Gruppen „Kirche“ zu formen, Gemeinschaften, die aus der Begegnung mit dem Auferstandenen leben, denen Jesus Christus als ihre Mitte aufgeht. Im Bibel-Teilen wird die Heilige Schrift als Inspirationsquelle des geistlichen Lebens erfahren. Der Zusammenhang zwischen Gottesdienst und Weltdienst, der so oft angemahnt wird, kann im Bibel-Teilen als eine Gestalt christlicher Glaubenspraxis grundgelegt werden.

     
       

      Bibel-Teilen als Schule des Glaubens  
     

     
     

    Im Bibel-Teilen wird nicht lediglich Glaubenswissen vermittelt durch die Beschäftigung mit zentralen Abschnitten der Heiligen Schrift. Im Bibel-Teilen wird Glauben erlernt, denn im Vollzug lässt es die Grundhaltungen im Glauben erleben. 

    Bibel-Teilen ist ein Ort der Einübung des Glaubens:

    Das Bibel-Teilen ist eine Schule des Hörens
    · auf das Wort der Schrift.
    · auf die Worte des biblischen Textes in der Stimme der anderen,
    · auf die Erfahrungen der anderen mit den Worten der Bibel.

    Das Bibel-Teilen ist eine Schule des Sprechens
    · im „Wiederkäuen" der biblischen Texte wie es uralte, ehemals klösterliche Meditationspraxis ist,
    · in der schrittweisen Übernahme der Worte der Heiligen Schrift,
    · im Formulieren einer eigenen Antwort („in Wort und Tat“) auf die Worte des biblischen Textes.

    Das Bibel-Teilen ist eine Schule des Schweigens
    · in der Gegenwart des Auferstandenen,
    · im „Klangraum“ des Wortes Gottes,
    · vor dem Wort, durch das uns Gott zu neuen Menschen formen will.

    Das Bibel-Teilen ist ein Ort der Begegnung mit der Heiligen Schrift - einer Begegnung, die verändert. Gerade die regelmäßige Konfrontation mit biblischen Texten und der wiederholte Austausch in der Gruppe können helfen, im Glauben zu reifen und sich neu - oft wohl zum ersten Mal bewusst - als Gerufene und Befreite zu verstehen.

    Im Bibel-Teilen wird die Lebensnähe des Wortes Gottes erlebt:
    · Die eine große Gottes- und Menschengeschichte, die die Bibel erzählt, wird als unsere und meine Geschichte lesbar.
    · Umgekehrt wird unsere/meine Geschichte als Teil der großen Geschichte entschlüsselt.
    · Die Sprache der Bibel wird zu meiner, unserer Sprache.

    Im Bibel-Teilen wird die Fremdheit des Wortes Gottes erlebt:
    · Der Glaubensweg, den die Bibel vor Augen stellt, ist kein „Event“, kein einmaliges religiöses Erlebnis, sondern zunächst ein langer Weg, der auf weite Strecken durch die Wüste führt.
    · Die Welt der Bibel bleibt immer auch Fremd, ist „nicht von dieser Welt". Das Wort der Schrift will in seiner Fremdheit wahrgenommen werden, weil nur so das Geheimnis Gottes gewahrt bleibt.

    Im Bibel-Teilen wird die Gestaltungskraft des Wortes Gottes erlebt:
    · Das Wort zielt auf uns und auf mich. Es will mein Leben in der Gemeinschaft der anderen ändern, indem es die Einzelnen zur Gemeinde Gottes zusammenführt.
    · Die mitgeteilten Erfahrungen („Ihr sollt meine Zeugen sein!“) widerlegen das Vorurteil, der Glaube verändere nichts.

     
       

      Erwachsen werden im Glauben  
     

     
     

    Bibel-Teilen vermittelt drei grundlegende Kompetenzen:
    Bibel-Teilen fördert die Selbstkompetenz. 
    Bibel-Teilen fördert die Sachkompetenz. 
    Bibel-Teilen fördert die Sozialkompetenz 
    · im Kennenlernen des Evangeliums,
    · im Sprechenlernen vor Gott und den anderen, 
    · im Austausch über das Gehörte,
    · im Erleben von Partizipation und Kommunikation.

     
       

      Die Leitungsrolle  
     

     
     

    Eine wichtige Bedingung für das Gelingen des Bibel-Teilens verdient noch besondere Aufmerksamkeit: die Wahrnehmung der Leitungsrolle. Die Idealvorstellung einer wechselnden Leitung, die von allen Gruppenmitgliedern wahrgenommen werden kann, wird sich nicht immer und erst recht nicht am Anfang verwirklichen lassen. Aber mit wachsender Übung sind auch hier Fortschritte möglich, wie die Erfahrungsberichte im letzten Teil dieses Buches belegen.
    Die Leiterin oder der Leiter haben nicht nur eine wichtige Aufgabe beim jeweils aktuellen Treffen, sondern schon im Vorfeld bei der Vorbereitung. Zu den besonderen Aufgaben der Leitung - gerade im Blick auf neue und unerfahrene Gruppen – gehören

    · die Sorge Ihr die Voraussetzungen:
    Zu den grundlegenden Aufgaben der Leitung gehört die Sorge um das Einverständnis der Teilnehmer/innen einer Runde. Das Sich-Mitteilen in einer Runde wird nicht gelingen, wenn es nicht von allen wirklich gewollt wird und wenn die Formen, in denen der Austausch geschehen soll, nicht bekannt und verbindlich von den Teilnehmenden akzeptiert sind.
    Ebenso wichtig wie die innere Disposition ist die äußere Seite. Meditation und persönlicher Austausch brauchen einen geeigneten Raum und eine entsprechende Atmosphäre, die zu Stille und Gespräch gleichermaßen ermuntert. Ein mit Akten und Getränken bestückter Konferenztisch wird da wenig förderlich sein. Kleine Veränderungen im Raum (Stuhlkreis, eine Kerze) genügen oft schon, um ein Klima der Sammlung zu schaffen, Der Raum sollte vorbereitet sein, damit die Einladung schon beim Ankommen der Teilnehmerlinnen „verstanden“ wird.

    · die Auswahl des Schritttextes:
    Nicht jeder Schrifttext und nicht jede Textform ist für das Bibel-Teilen geeignet, wenn man nur einmal an die Stammbäume. Listen oder Gesetzestexte denkt, wie sie sich im Alten Testament häufiger finden. Auch von der mancherorts geübten Praxis, ein Buch Abschnitt für Abschnitt „durchzunehmen“, ist zumindest in einer noch wenig erfahrenen Gruppe abzuraten, da manche Texte modernen Leserin und Lesern große Verständnisschwierigkeiten bereiten, das Bibel-Teilen aber nicht zur Informationsveranstaltung werden soll.
    Viele Schwierigkeiten lassen sich durch eine überlegte Textauswahl vermeiden. Am Anfang können auch eher bekannte Texte stehen, um so allmählich vom Vertrauten zum weniger Vertrauten voranzugehen. Die Leitung hat aber auch darauf zu achten, dass nicht nur gefällige und die Ansichten der Gruppe bestätigende Texte ausgewählt werden, sondern der Anspruch der Bibel beachtet wird. Schließlich soll der Schatz der Bibel nach und nach wirklich gehoben werden; deshalb ist darauf zu achten, dass nicht nur die oft äußerst reduzierte Textauswahl der Predigtpraxis in den Gruppen reproduziert wird, indem z.B. nur bekannte Abschnitte aus einem Evangelium ausgesucht werden.

    · die Sensibilität für Gruppenprozesse:
    Gruppen haben ihre eigenen Dynamik. Auch ohne ein professionelles Kommunikationstraining kann Gruppenleitung gelingen, wenn – oft mehr intuitiv – die Besonderheiten einer Gruppe oder eines konkreten Gesprächsverlaufs aufmerksam wahrgenommen werden. Nicht selten leben in Bibel-Teilen-Gruppen bestehende Konflikte zwischen Teilnehmenden wieder auf und werden „fortgesetzt“. Hier hilft oft nur ein direktes Ansprechen der Kontrahenten, gegebenenfalls auch in der Gruppe. Auch Missverständnisse können zu Kommunikations-Blockaden werden, in einer Atmosphäre des Respekts und der Offenheit sollten sie sich klären lassen.
    Hinderlich sind ferner nicht selten Wissensdefizite oder Schwierigkeiten mit dem ausgesuchten Text. Auch hier kommt es darauf an, den gottesdienstlich-meditativen Charakter des Bibel-Teilens nicht zu beeinträchtigen und geeignete Formen für die Klärung zu finden, z.B. indem sich die Gruppe einmal ausdrücklich zu einem Informationsaustausch trifft oder Gruppenmitglieder an entsprechenden Veranstaltungen der Bibelpastoral teilnehmen. Das Bibel-Teilen wird auch das Interesse an Informationen über die Bibel wecken.

    · spirituelle Aufgeschlossenheit:
    Als geistliches Geschehen unterliegt das Bibel-Teilen nicht den Maßstäben von Erfolg oder Misserfolg, auch wenn im Vorangehenden häufiger vom Gelingen die Rede war. Das Bibel-Teilen hat Fest- und Feiercharakter. Das Engagement der Leitung bezieht sich auf die Vorbereitung und die aufmerksame Begleitung des Geschehens. lm Mittelpunkt steht ein anderer – Er, der von sich gesagt hat, dass er unter uns sein will, wenn sich zwei oder drei zusammenfinden (vgl. Matthäus 18,20).