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Ein neuer Bibelfrühling |
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Wir können gegenwärtig in der Kirche die Vorboten, vielleicht auch schon den Anbruch eines neuen Bibelfrühlings wahrnehmen: Die Bibel rückt wieder stärker in den Mittelpunkt des geistlichen Lebens von Einzelnen und Gruppen. In der Theologie wird wieder intensiver über den Umgang mit der Bibel in der Kirche nachgedacht. Aber es kann längst noch nicht davon gesprochen werden, dass die Bibel „Seele". das heißt prägendes Prinzip und Leben schenkende Mitte aller Äußerungen kirchlichen Lebens sei, wie es der großen Erneuerungsvision des Konzils entspräche (vgl. Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ des Zweiten Vatikanischen Konzils Nr. 6).
Im Umgang mit der Bibel ist eine Trendwende festzustellen – weg von der klassischen auf Wissensvermittlung ausgerichteten „Bibelarbeit“ und hin zu Formen einer auf (geistliche) Erfahrung, Austausch und kreativ-künstlerische Auseinandersetzung ausgerichteten Beschäftigung mit der Bibel. Gerade nicht akademische, so genannte „einfache“ Arten des Umgangs mit der Bibel stoßen jedoch vielfach auf Schwierigkeiten und Vorbehalte. Schwierigkeiten bereitet z.B. die Fremdheit eines persönlichen Austauschs über Erfahrungen mit dem biblischen Wort. Probleme können auch entstehen durch Kommunikationsstörungen und mangelnden Konsens in einer Gruppe über die Form des Umgangs mit der Bibel. Dazu kommen Vorbehalte gegen einen „naiven“ Umgang mit den Texten der Bibel: Darf man sich die Bibel so unmittelbar und ohne jede kritische Distanz zu eigen machen? Sind nicht erst Informationen nötig über das, was der Text eigentlich sagen will, über seine Besonderheiten, die Zeit und die Umstände seiner Entstehung und Ähnliches? Ist das „einfache“ Lesen nicht geradezu gefährlich, weil es dem Subjektivismus Tür und Tor öffnet und letztlich die Einheit der Kirche gefährdet? Ist diese Art des Umgangs mit der Bibel nicht ganz und gar unkatholisch und eher typisch für protestantische Randgruppen?
Die Fragen nach der Bedeutung, der Notwendigkeit und den Möglichkeiten „einfachen“ Bibellesens lassen sich zu einem großen Teil klären, wenn man erstens die Eigenart der Bibel beachtet, zweitens die reiche zweitausendjährige Geschichte der kirchlichen Erfahrung mit der Bibel berücksichtigt und drittens neuere Einsichten der Bibelwissenschaft in die Überlegungen einbezieht.
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1. These: Die Bibel ist das Buch Israels und der Kirche. Sie will zum Buch unseres und meines Lebens werden. |
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Die Bibel ist aus der Geschichte des Volkes Israel und der ersten Christen förmlich herausgewachsen: sie war und ist die Wegbegleiterin von Juden und Christen. Von diesen Glaubensgemeinschaften wird sie als Heilige Schrift gelesen, womit kurz und bündig ihr besonderer Anspruch benannt ist: Sie enthält nicht nur Zeugnisse der antiken Religionsgeschichte aus dem östlichen Mittelmeerraum. In ihr haben auch nicht nur Menschen einer früheren Epoche ihre religiösen Erfahrungen festgehalten, sondern die Gemeinschaften von Juden und Christen vernehmen aus ihr immer wieder neu das Wort Gottes zur Ausrichtung ihres Lebens auf Gott.
„In den Heiligen Büchern kommt ... der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf“ (Offenbarungskonstitution Nr. 21). Christsein heißt: dem Entgegenkommen Gottes antworten und in dieses Gespräch eintreten, mit dem Wort Gottes im Ohr die Orte finden, an denen Gott in unserem und meinem Leben besonders deutlich zu hören ist. Die Bibel bleibt dann nicht ein Nachschlagewerk für Grundlagen des christlichen Glaubens. Sie eröffnet das Gespräch mit Gott als Lebensperspektive, sie gestaltet dieses Gespräch. sie wird zum Lebensbuch.
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2. These: Gottes Taten gehen weiter. Die Bibel hilft. Gott in unserem und meinem Leben zu entziffern. |
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Als aktuelles, lebendiges Wort Gottes will die Bibel nicht zuerst informieren über Vorgänge, die lange zurückliegen (obschon auch das ein Aspekt ihrer Botschaft ist, weil ihre Botschaft vom Handeln Gottes in unserer Geschichte erzählt). Die vorrangige Frage ist daher nicht, wer Abraham und Sara waren, welche Route die Israeliten bei der Flucht aus Ägypten gewählt haben und welche Gleichnisse der historische Jesus nun wirklich erzählt hat. Die Geschichten der Erzeltern, die Worte der Propheten und die Worte und Taten Jesu werden überliefert, damit ich mich und meine Welt darin wiederfinde und um unser und mein Leben zu deuten. In diesem Leben soll die göttliche Dimension freigelegt werden. Die Erinnerung z.B. an die vielen Wunder, von denen die Bibel zu erzählen weiß, gilt nicht nur der Geschichte, sondern soll die Wahrnehmung öffnen für die Wunder-Dimension des eigenen Lebens. Gottes wunderbares Wirken ist auch heute zu erkennen. Die Bibel gestaltet die Sinne für die Wahrnehmung Gottes – nicht nur in den außergewöhnlichen Ereignissen des Lebens.
Oft wirken die Worte der Bibel blass und kraftlos, weil sie nicht mit eigenen Lebenserfahrungen verbunden sind. Statt eigener Erfahrungen mit dem Wort Gottes werden (auch in christlichen Gemeinschaften) oft angelesene und angelernte Erkenntnisse anderer ausgetauscht, ein ..frommes" Wissen ohne Bezug zum konkreten Leben. Hier liegt eine Ursache für die oft beklagte Kluft zwischen Glaube und Alltag, für die Weltfremdheit und praktische Bedeutungslosigkeit des Glaubens. Als Lebens- und Glaubensbuch gewinnt die Bibel ihre Bedeutung nicht dadurch, dass ihr bei passender Gelegenheit ein wichtiger Inhalt oder eine wertvolle Einsicht entnommen wird, sondern dass sie die Chance erhält; sich immer wieder in das Leben einzumischen, die (Erfahrungs-) Vielfalt ihrer Stimmen hörbar zu machen.
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3. These: „Gottes Worte wachsen mit der/dem Lesenden" (Papst Gregor d. Gr.) – Der Sinn der Bibel braucht unsere und meine Mitarbeit. |
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Bibelauslegung bedeutet nicht, einen einmal im Bibeltext eingeschlossenen Sinn freizulegen und sich in der (ganz anderen) gegenwärtigen Situation zu eigen zu machen. Bibelauslegung ist keine archäologische Expedition mit anschließender Präsentation der Ergebnisse in einer Ausstellung, sondern ein kommunikatives Geschehen, in dem die Bibel immer wieder neu in die Gegenwart hinein zum Sprechen kommt. Bibelauslegung im Kontext der Kirche ist nicht zuerst und vor allem die Feststellung eines ursprünglichen Sinnes, sondern die Freisetzung immer neuer gegenwärtiger Bedeutungen.
Wird der Umgang mit der Bibel von der Frage beherrscht, was der Text „eigentlich“ sagen will, ist von vorneherein ein lebendiger Dialog, ein Austausch mit dem Text unmöglich. Der Sinn des Textes wird festgelegt auf eine Sachaussage, der bildreiche und dramatische Bibeltext verdünnt zu einem faden Lehrsatz. Geschriebene Texte sind dagegen offen für immer neue Interpretationen, wie die Sprachwissenschaften und philosophischen Hermeneutiken in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet haben. Sie brauchen die Mitarbeit der Leserinnen und Leser, damit ihr Sinn in einer bestimmten Situation Kontur gewinnt. Im Laufe der Auslegungsgeschichte (= Geschichte lebendiger Erfahrungen mit dem Text) wächst ihr Sinn, wird das Sinnpotential immer neu ausgeschöpft. Die Auslegungsmöglichkeiten gehen oft weit über das hinaus, was der Autor einst im Blick hatte. Offenheit bedeutet aber nicht Beliebigkeit! Die Grenzen der Auslegung werden markiert durch die Struktur des Textes selbst, die zwar viele, aber nicht jede Deutung zulässt, und durch die gemeinschaftliche Auslegungstradition, in der jeder Ausleger steht oder an der er sich bewusst orientiert (vgl. Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“ Nr. 12).
„Die gesamten heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments sind Produkte eines langen Prozesses der Neu-Interpretation der Gründungsereignisse im Zusammenhang mit dem Leben der Gemeinschaft der Gläubigen“ (Dokument der Päpstlichen Bibelkommission). Dieser Prozess geht weiter – bis in die Gegenwart hinein und darüber hinaus: Immer wieder gilt es, Gottes Befreiungshandeln an seinem Volk zu erleben. Die biblischen Texte ermöglichen diese Entdeckung und geben die Richtung der Deutung an.
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4. These: Es gibt nicht die richtige Art des Umgangs mit der Bibel - „Einfaches" und wissenschaftliches Lesen der Bibel haben ihre je eigene Bedeutung für die Kirche. |
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Es gibt zweifellos ungeeignete und falsche Formen des Umgangs mit der Schrift. Wer z.B. in fundamentalistischer Manier die Bibel als vom Himmel gefallenes Buch betrachtet und ihre menschliche/geschichtliche Seite übersieht, wird der Bibel nicht gerecht. Wird gesagt. dass die Bibel Gottes Wort ist, so heißt das immer: In ihr spricht Gott zu den Menschen „durch Menschen nach Art der Menschen“ (Augustinus). Ebenso wenig reicht es aus, sie allein als historisches Dokument zu analysieren, ohne ihre Bedeutung für die Glaubensgemeinschaften zu berücksichtigen, und darüber hinwegzusehen, dass die Bibel auch gegenwärtig hörbares Wort Gottes sein will.
Finden sich ungeeignete und falsche Methoden, so ist aber auch zu betonen, dass es nicht die eine richtige Methode des Umgangs mit der Bibel gibt. Nur eine Methodenvielfalt kann die Bibel in den vielen verschiedenen Lebenssituationen zum Sprechen bringen.
Formen „einfachen“ Bibellesens und wissenschaftliche Arbeit am Bibeltext werden gerne gegeneinander ausgespielt: Die einen reklamieren für sich, dass ihr Zugang die Bibel als Glaubenszeugnis ernst nimmt und der Bibel mit Ehrfurcht statt mit zersetzender Kritik begegnet. Vertreter der wissenschaftlich-kritischen Forschung können dann entgegnen, dass beim „einfachen“ Bibellesen nicht der Text gehört wird, sondern die Lesenden ihre Vorstellungen auf den Text projizieren, ihn also den subjektiven Erwartungen unterordnen. Bevor in dieser Weise Apfel mit Birnen verglichen werden, dürfte es hilfreich sein zu sehen, dass jeder Zugang seine begrenzte Bedeutung hat und beide jeweils unterschiedlichen Zwecken dienen. Beide üben auf ihre Art einen unverzichtbaren Dienst in der Kirche aus. Wissenschaftliche Bibelauslegung hat vor allem fünf Aufgaben:
1. Sie schützt den Text, indem sie mit einer gewissen Hartnäckigkeit zum genauen Lesen des Textes anhält und jeder „Kleinigkeit" nachgeht.
2. Sie hilft. Verständnisvoraussetzungen zu erhellen und zu erklären, die der Text als Teil einer vergangenen Welt stillschweigend macht.
3. Sie legt nicht die einzig richtige Bedeutung fest, aber sie markiert den Spielraum zulässiger Deutungen und bewahrt so vor Fehlinterpretationen.
4. Sie ist das Gedächtnis der Glaubensgemeinschaft, indem sie gegenwärtige Auslegungen mit früheren ins Gespräch bringt.
5. Sie verantwortet die Bibelauslegung vor dem Forum der Vernunft und macht auch das Gespräch über die Bibel mit Nichtglaubenden oder Andersgläubigen möglich. Die wissenschaftliche Behandlung des Bibeltextes kann das „einfache“ Bibellesen jedoch nicht ersetzen. Die Bibel war und ist nicht zuerst Objekt wissenschaftlicher Analyse, sondern Lebensbuch und Glaubensschule aller Mitglieder des Volkes Gottes. Das „einfache“ Bibellesen ist daher auch keine uneigentliche Form des Umgangs („Schrumpfform") mit der Bibel, sozusagen eine Art der Beschäftigung für weniger Gebildete.
Unter dem Etikett „einfaches“ Bibellesen sind viele Formen des Umgangs mit der Bibel zusammengefasst, die geistliche Schriftlesung, das Bibel-Teilen (7-Schritte-Methode), Formen der Betrachtung, Wort des Lebens, Losungen. Dazu kommen auch kreative Formen (Tanz, Pantomime, Malen, Plastizieren etc.). denn auch dies sind im weiteren Sinne „einfache“ (also unmittelbare, nicht wissenschaftlich vermittelte) Formen der Aneignung eines Textes.
Es handelt sich bei diesen Formen, die zum Teil schon eine lange Tradition haben (wie z.B. Methoden der Betrachtung von Schrifttexten und die geistliche Schriftlesung), um eigenständige Arten des Umgangs mit der Schrift, deren Berechtigung und Qualität nicht davon abhängt, ob sie Ergebnisse der wissenschaftlichen Exegese berücksichtigen. In manchem sind sie der wissenschaftlichen Exegese sogar voraus. In einigen Formen der Schriftbetrachtung sind immer schon Techniken der Texterschließung praktiziert worden, die die wissenschaftliche Exegese in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten auf dem Umweg über Erzählforschung und Strukturalismus erst mühsam wieder erlernen musste (z.B. Erschließung eines Textes im Horizont der ganzen Bibel: Ernstnehmen der vorliegenden Gestalt des Textes an Stelle einer Überbetonung hypothetisch erschlossener Vorstufen; ganzheitlicher, auch die Sinne einbeziehender Zugang).
Auch die nichtwissenschaftlichen Formen des Umgangs mit der Bibel sind nicht unmethodisch, liefern den Text nicht schutzlos der Subjektivität der Leser aus, wie man z.B. an der Schriftbetrachtung in den Ignatianischen Exerzitien sehen kann. Bei näherer Betrachtung zeigt sich oft, dass die „einfachen“ Formen gar nicht simpel oder naiv sind.
Dennoch bestehen zwei Gefahren: Erstens die Gefahr einer raschen Verzweckung des biblischen Textes. Es geht dann nicht mehr darum. Gott und sein Handeln an seinem Volk kennen zu lernen und das eigene Leben als Teil dieser Geschichte Gottes mit seinem Volk zu sehen, sondern die Bibel wird zur Auskunftei für Ober-natürliches oder unvermittelt zur Handlungsanweisung (Bibel als „Rezeptbuch“). Die zweite Gefahr besteht darin, dass nicht der Text in seiner Besonderheit wahr-genommen wird, sondern lediglich als Aufhänger für die Wiederholung der eigenen Lieblingsideen oder der Rechtfertigung des eigenen Handelns dient.
Dagegen gibt es „Sicherungsmaßnahmen“: Die erwähnten Gefahren bestehen nicht oder werden zumindest geringer, wenn die Beschäftigung mit der Bibel im Zusammenhang der Kirche geschieht, das heißt im Rahmen ihrer Liturgie und ihrer Bekenntnistradition und im Austausch mit anderen. Wichtig ist ebenso, dass beim Umgang mit der Bibel nicht ständig irgendein Zweck im Vordergrund steht, es sein denn der Wunsch, den göttlichen Gesprächspartner immer besser kennen zu lernen und das eigene Leben „mit seinen Augen“ zu sehen. In der aus der mönchischen Tradition kommenden Praxis der geistlichen Schriftlesung („lectio divina“) wird dieser absichtsfreie Umgang mit dem Wort Gottes beispielhaft deutlich: In den drei oder vier Schritten: Lesung - Meditation - Gebet/Kontemplation (lectio – meditatio/ruminatio – oratio/contemplatio), bildet das Meditieren die Mitte. Dieser Vorgang heißt auch „ruminatio", wörtlich „das Wiederkäuen“, denn es geht um eine wirkliche Verinnerlichung des Wortes durch das ständige Wiederholen. So kann das Wort der Schrift zur „Nahrung“ werden. Wer so mit dem Wort und aus dem Wort lebt, ist vor der fundamentalistischen Gefahr einer unmittelbaren Umsetzung und Vereinnahmung des Wortes geschützt.
Vor dem Hintergrund einer so gewachsenen Vertrautheit können die Ergebnisse wissenschaftlicher Exegese eine ganz neue Bedeutung erlangen. Sie befriedigen dann nicht eine manchmal oberflächliche Neugier oder lenken ab von der Herausforderung zu einer eigenen existentiellen Auseinandersetzung mit dem Wort. Sie können vielmehr- helfen, wirkliche Fragen zu klären und das Gegenüber noch besser kennen zu lernen.
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5. These: Im Bibel-Teilen wird eine neue Art der Kommunikation eingeübt. |
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Das Bibel-Teilen ist für viele Gruppen und Gemeinden zu einer wichtigen Form der Begegnung mit der Heiligen Schrift geworden. Es bietet einen Ort, regelmäßig eigene Erfahrungen mit dem Wort auszutauschen. Vor allem erinnert es immer wieder daran, dass Kirche nicht durch das Engagement einzelner oder von Gruppen gemacht. sondern vom Wort Gottes geschaffen wird. Das Bibel-Teilen ist eine geistliche Übung in Gemeinschaft und keine Primitivform von Bibelarbeit. Es handelt sich um eine eigenständige Form. die darum auch andere Arten der Beschäftigung mit der Bibel, vor allem die klassische, auf Wissensvermittlung abzielende Bibelarbeit, nicht ersetzen kann und will. Bibel-Teilen ist keine Alternative zur Bibelarbeit; dieses verbreitete Missverständnis kann nicht nachdrücklich genug zurückgewiesen werden.
Viele Schwierigkeiten rühren daher, dass wir wenig Erfahrung mit solchen geistlichen Übungen in Gemeinschaft haben. Deshalb ist Geduld („Üben und aus Fehlern lernen!“) die erste Voraussetzung, um diese neue und daher ungewohnte Art der Beschäftigung mit der Bibel wirklich kennen zu lernen. Daran, dass diese Art des Umgangs mit der Bibel vielen so schwer fällt, zeigt sich, wie sehr die schriftbezogene Spiritualität noch zu entwickeln ist.
Es gibt noch einige weitere Voraussetzungen. die beachtet werden wollen: Bibel-Teilen lässt sich einer Gruppe nicht verordnen; nur wenn alle es wollen, kann es gelingen. Als geistliche Übung (das heißt als Gebetsgeschehen) braucht das Bibel-Teilen eine Atmosphäre, die von Sammlung, Stille und Gelassenheit geprägt ist. Zeitdruck oder ein schematisches „Abhandeln“ der Schritte stehen dem entgegen. Im Bibel-Teilen wird nicht ein Bibel-Text ausgelegt; der Text wird gebraucht wie z.B. ein Psalm beim Gehet. Im Hören auf die Heilige Schrift und auf die anderen wird eine neue Art der Kommunikation eingeübt: Wie nahe lasse ich das Wort Gottes an mich herankommen? Diese in der Übung gewonnene geistliche Erfahrung (die gemeinsame Gebetserfahrung) lässt sich nicht durch das gemeinsame Sprechen eines Gebetes oder durch einen geistlichen Impuls, im Monolog von einem Professionellen vorgetragen, ersetzen.
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6. These: Bibelauslegung ist eine Aufgabe der ganzen Kirche - Alle nehmen an ihr teil. |
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Bibelauslegung ist keine exklusive Aufgabe von Spezialisten. Jede/r in der Kirche nimmt auf ihre/seine je besondere Art am fortdauernden Gespräch Gottes mit seinem Volk und so auch an der Auslegung der Schrift teil. Alle haben eigene Erfahrungen einzubringen.
Bibelauslegung ist daher ein vielfältiges, pluralistisches Geschehen. In ihm spiegelt sich die Vielfalt in der Kirche. Keine einzelne Auslegung der Bibel kann deren Sinnreichtum ausschöpfen. Die Theologie erkennt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil den engen Zusammenhang zwischen der Lebendigkeit des Umgangs mit der Bibel und der Lebenskraft der Kirche.
Auch die Eigenart der Bibel als vielstimmiges und in sich spannungsreiches Buch fordert die Kirche immer wieder heraus. So wehrt die Bibel alle Tendenzen zur Verfestigung ab und heilt den Blick offen für den je größeren Gott (vgl. das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission).
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Schluss |
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Die Heilige Schrift als Buch meines und unseres Lebens! - Das Leben mit der Schrift gehört zur christlichen Antwort auf die Sehnsucht nach intensiver spiritueller und sozialer Erfahrung, die gegenwärtig bei vielen aufbricht. Im Kennenlernen der Schrift und im Austausch über die Erfahrungen mit dem Wort der Schrift kann uns, kann mir aufgehen, wer Gott ist, und er kann unser und mein Leben gestalten. Es gibt viele Wege, „jenes innige und lebendige Ergriffensein von der Heiligen Schritt“ (Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils Nr. 24) zu fördern, das die wichtigste Voraussetzung für das Leben als Christin und Christ in der Zukunft ist. |
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